Die Bürde des Glückstrebens

Das Leben ist schwer, ohne Frage – ich habe doch genug Jahre auf dem Buckel, um dies beurteilen zu können. Die frühere Vorstellung und Hoffnung, dass eines Tages alles besser, gut sein wird und ich endlich im Glücklichsein das Leben genießen kann scheint mit jeder Zeitungsschlagzeile, mit jeder abendlichen Nachrichtensendung, mit jeder freien Minute, die ich mit mir selbst in der Bemühung mich endlich zu orientieren verbringe, zu schrumpfen. Sich auf mich besinnen, Kräfte sammeln, um endlich das tun (die ganze Welt kann mir doch den Buckel runter rutschen), was mein Wesen anstrebt, was mein Wesen ausmacht, was mein Wesen ist, mich endlich glücklich macht.  Und ausgerechnet diese freie Minute ist es, die mich immer aufs Neue erkennen lässt, dass ich es selbst bin, was mir im Wege zum Glück und Glücklichsein steht. Eine Erkenntnis ist zugegeben eine erstrebenswerte Sache und soll einen schätzungsweise weiter bringen. Ja, ja … Wenn hier nicht die Folgereaktion wäre: das noch mehr Unglücklichsein. Warum stehe ich mir selbst im Weg? Warum soll ich dies tun? Nach all den Jahren, nach all dem Selbstforschen, Selbsterkennen, Selbstannehmen, Selbstlieben … Ist mir denn nicht zu helfen? Was braucht es noch? Was muss ich noch alles  tun? Wie muss ich mich noch zerfleischen, in welche Tiefen muss ich noch eintauchen, auf welche einsame Hütte und für wie lange muss ich mich noch zurückziehen? Welch ein Ereignis muss noch inszeniert werden, um diese Unsinnigkeit aus mir für immer auszutreiben?

Wenn es angeblich mein eigenes Wesen ist, das sich/mir in den Weg stellt, gibt es da überhaupt eine Hoffnung? Wenn meinem Wesen das Trübsalblasen, sich im Unglücklichsein baden ähnlich sein soll, warum lässt mein Wesen es nicht sein, ist nicht zufrieden und strebt dann doch immer nach diesem Gefühl des Glücks? Von wo kommt das Bild, das Gefühl, das Bekannte – wie es sein könnte – dieses Einfache sein, fließen, zerfließen, verbunden, lebendig und doch ruhig, zufrieden in stiller Freude, wach und doch wie im Traum zu sein? Die herrlichen Düfte, strahlende Farben, ein frischer Windhauch der die Haut sanft streichelt. Die Brust weitet sich unmerklich, die Sonnenstrahlen wärmen mein Herz. Und mein Kopf? Oh, wo ist denn mein Kopf – habe ich den überhaupt noch? Oh ja, der ist klar, gefüllt mit leisen, ruhigen aber auch prickelnden kreativen Ideen. Impulse, Bilder, gar gesamte Konzepte, Einblicke, Einsichten, Wissen – alles ist da, ich brauche mich nur zu bedienen. Keine Verwirrung, nichts schwirrt störend durch den Kopf, kein Sich-im-Kreis-Drehen, kein Gegen-die-Wand-rennen. Ich muss nicht schnell alle tollen Sichtweisen festhalten, aufschreiben, aufgeregt Heureka schreien. Nein! Alles ist da auf seinem Platz, läuft nirgendwo weg, niemand kann es mir klauen, ich muss es vor niemandes Augen verstecken, schützen. Alles ist in Ordnung, die Vögel zwitschern, die Schmetterlinge tanzen einen quirligen Tanz. Der Rasen sprießt um die Wette, die Blumen drehen ihre wunderschönen Köpfe und zwinkern mir zu, der Baum bewegt seine majestätische Krone hin und her, raschelt ganz leise mit seinen Blättern, spricht zu mir in einer verständlichen Sprache während er mir liebevoll einen wohltuenden Schatten spendet. Als nächstes tauche ich einfach in ein kühlendes, erfrischendes, mich tragendes Wasser ein, das so blau ist, dass ich mich nicht satt sehen kann. Im Vertrauen lasse ich mich von dem nassen Meer in die Arme nehmen, mich wiegen und die zärtliche Geborgenheit genießen. Einige riesige Wattebauschen oberhalb von mir inszenieren ein malerisches Bild und laden mich in ein kuscheliges Hineintauchen und zum Mitschweben ein. Ich liege, wiege mich, bin geborgen und doch erfrischt. Ich bin frei, ich fliege mit einem offenen Herzen den Himmel entlang, voll abenteuerlicher Aufregung und Zuversicht. Alles ist in Ordnung, alles fließt, ist frei, zufrieden, glücklich und herrlich – ja die Welt ist in Ordnung, das ist mein glücklicher, ewiger Traum.

Zwei Seelen in einer Brust, die sich gegenseitig sperren? Wetteifern um die Vorherrschaft, stehen sich gegenseitig im Wege? Die eine kann ihren Traum des Glücks nicht wahr werden lassen, die andere kann dennoch ihr unglückliches Wesen nicht unaufhörlich verbreiten. Was hat so ein unsinniger Wahnsinn mit mir zu tun? Wer kommt denn auf die Idee, so etwas einem Menschen anzutun? Wie soll ein Mensch, dessen Füße täglich den Boden berühren, der nicht seine Arme wie Flügel ausbreiten und in die Lüfte steigen kann, damit umgehen? Wie soll er sich auskennen? Wie soll er, so zerrissen, wissen in welche Richtung er als nächstes seinen weiteren Schritt tun soll? In Ohnmacht, blockiert, wie gelähmt tritt er im Leerlauf auf der Stelle. Der Kopf platzt vor lauter Bildern und Ideen, die Brust ist voller Sehnsucht und die Augen sehen, was sie eben sehen – das nichts weitergeht. Dunkle Wolken hängen über seinem Kopf. Kein Ufer in Reichweite. Statt Bäumen ein Betondschungel wo das Auge hinblickt. In der Nase kitzelt keine sanfte Brise, kein blumiger Duft, sondern die stickige, Smog beladene Luft. Um seinem Glücksgefühl näher zu kommen kann er nicht verharren. Er muss sich anziehen, ausrüsten, ins Auto steigen, zig Kilometer durch den nervtötenden Verkehr fahren, Eintritt bezahlen und sich diszipliniert, nach der geregelten Hausordnung und Vorschrift in einer speziell dafür eingerichteten Einrichtung erfrischen lassen, um rechtzeitig zur Sperrstunde das Erholungsgebiet zu verlassen, möglicherweise noch davor, um dem massenhaften Rückverkehr zu entgehen, um noch ein wenig Energie mit nach Hause zu bringen. Wieweit muss ein Mensch wegfahren? Wie lange muss er bleiben? Was alles muss er sich leisten können, um sich dem ersehnten Glücksgefühl anzunähern und gewollte Zufriedenheit und Leichtigkeit zu erfahren? Erleben, aufnehmen, aufsammeln? Wie lange halten die energiegeladenen Momente an? Der Morgenspiegel erinnert an den erfrischenden Ausflug, der Teint ist braun und der Mensch erinnert sich: ach – ich soll doch glücklich sein! … und als nächstes breitet sich im Herzen erneut eine Sehnsucht aus.

Ein Augenblick des Glücks, ein Augenblick der Freude und des Friedens – man kann es nicht festhalten, man kann es nicht erzwingen und das Schlimmste von allen „Man-kann-es-nicht“ ist, dass man es scheinbar nicht aufheben und behalten kann. Warum? Was ist das nur für ein Trick?

Das ewige Treiben in einem ist noch da. Der Druck, die Eile, Suche, Enttäuschung, Unzufriedenheit, Depression. Und diese Schwere! Eine Schwere lastet auf uns, unseren Schultern in unserer Brust. Sie lässt uns kaum Luft holen, wenn, dann nur oberflächlich und kurzatmig, sie zwingt uns in die Knie und zaubert einen gequälten Ausdruck ins Gesicht. Sie laugt uns aus. Wir spüren uns nicht, sind müde, erschöpft. Sie überstülpt uns, ertränkt uns – wir werden träge und matt. Sie versperrt uns den Blick, der Weg schwindet, eine Mauer macht sich breit. Sie macht uns unbeweglich und raubt uns jeglichen Sinn. Wir geben auf, werden misstrauisch und apathisch. Aber etwas lässt uns auch in solch einem Zustand nicht in Ruhe! Es lässt uns nicht vollkommen versumpern! Es lässt uns nicht komplett dahinwelken und verrecken. Es mag erscheinen, dass es nur weiter ungemütliche Unruhe stiftet, aber es ruft: „Steh auf und geh, bewege endlich deinen Arsch! Schau nicht hin, tue einfach!“ Es hat gut zu reden! Zuerst bindet uns „jemand“ etwas um, bürdet uns etwas auf, überlädt einen, versperrt die Sicht und dann soll man sich bewegen? Wie und wohin? Wozu??? Der Rücken schmerzt, die Knie schlottern und jeglicher Sinn der Unternehmung wird vermisst. Mit überlegen, analysieren, Pro und Kontra aufzählen kommt man auch nicht weiter. Auf einmal kracht es! Wir springen auf und rennen davon! Selbstvergessen schwirren wir durch die Gegend, unbeeindruckt von der angeblichen Last. Etwas jagt uns und wir laufen um unser Leben.

Wie gesagt oder wie gefragt – was für ein Sinn in diesem Unsinn?

Das Streben nach Glück lässt einen seltsame Dinge tun. Die Suche nach ewiger und vollkommener Zufriedenheit treibt uns an, lässt uns nicht zu Ruhe kommen. Wir rennen als wenn uns jemand jagen würde und … wenn wir stehen bleiben, weil uns die Puste ausgegangen ist, merken wir, dass wir nicht sehr weit gekommen sind. Der Druck ist noch immer da, wir haben uns nicht wirklich befreit. Du unglückliches Glücksstreben, was machst du denn mit uns? Bist du echt? Was willst du uns die ganze Zeit sagen? Das Glück antwortet: „Lasst mich im Frieden sein!“?

Interessante Idee, dieses „Lasst mich im Frieden sein!“

Macht mir der Gedanke Angst? Das Glück, das Glücklichsein einfach nur loszulassen, es seinem eigenem Sein überlassen? Nicht mehr weiter danach streben? Es nicht mehr ersehnen?

Es verwirrt mich. Es macht mich auf einmal ziellos, orientierungslos, leer. Die Vorstellung niemals mehr dem möglichen wohltuenden Gefühl nachzurennen und es dadurch eines Tages nicht wahr machen zu können widerstrebt mir zutiefst.

Es ist klar – wie soll es auch anders sein?! Ich kenne es nicht anders. Ich glaubte zu wissen, dass das Glücklichsein das Ziel aller meiner Bestrebungen, aller meiner Wege und meines Seins ist – also der Sinn. Dies alles soll ich auf einmal aufgeben? Nie und nimmer! Was bleibt mir dann in diesem langweiligen, farblosen und freudlosen Leben? Nichts! Ich und mein nackter Hintern. Die unverschämte Wahrheit, frei von jeglicher Dekoration.

Ausprobieren? Ist diese schmerzvolle Idee eines Versuches Wert? Alles andere habe ich doch schon ausprobiert. Was kann denn schon passieren, wenn ich das Streben nach dem Glück für eine Minute loslasse? Mein Glück und Glücklichsein ist doch nicht von dem Streben abhängig oder? Ich kann es doch sofort wiederaufnehmen, wenn ich es nicht aushalte, wenn es mir nichts gebracht hat, wenn es sich nicht gut anfühlt, wenn es mir den Atem raubt und den Boden unter den Füßen wegreißt. Also keine Panik, tief einatmen und sein lassen. Weg von dem Gedanken das Glück irgendwie erreichen zu wollen. Einfach atmen, zählen, die Zeit verstreichen lassen: eins … zwei … drei ….

Und? Ist etwas passiert? Lebe ich noch? Bin ich noch? Steht die Welt? Hat es mich erschlagen? Tut es weh?

Moment Mal! Einen kurzen Atemzug, sich hinein fühlen, wahrnehmen! Seltsam – etwas fühlt sich leichter an. Der Druck ist weg, eine Last von der Schulter entfallen, die Uhr tickt nicht mehr so laut. Ich lebe und atme noch.

Ich beobachte und zähle vorsichtig weiter … zehn … elf … zwölf … die Welt um mich steht noch. Kein Blitz und Donner. Zweiundzwanzig … dreiundzwanzig … Ich setze mich lieber hin. Mache es mir ein wenig bequem, beobachte. Es geschieht nichts Auffälliges.

Dreiundsechzig … vierundsechzig … fünfundsechzig … ich lege meine Füße hoch, etwas in mir entspannt sich. Bin ich jetzt unglücklich? – frage ich mich beobachtend und weiterzählend. Nein, warum sollte ich?

Atmend schaue ich mich um und entdecke Dinge, die ich schon lange nicht gesehen habe. Die Luft im Raum scheint sich zu bewegen. Ein kaum wahrnehmbarer Hauch von Nichts streichelt mein Gesicht und ich nehme es wahr. Ich merke, dass ich nicht mehr zähle. Ein warmes Gefühl durchströmt mich. Ein ungewöhnlicher Schub von Energie versetzt mich kurz in Panik, aber ich atme weiter und höre die Luft – wie seltsam es auch klingen mag. Ich höre tatsächlich die Luft! Ich merke ein Summen und Rauschen im Raum. Etwas von einem winzigen Nichts scheint sich um mich herum geräuschvoll zu bewegen. Es spricht mit mir und ich scheine es zu verstehen: „Es ist nur ein kleines Experiment – einen kleinen Augenblick das Bemühen, um das Glück sein zu lassen. Du kannst es jederzeit wiederaufnehmen wenn du willst, es droht keine Gefahr.“ Im Verstehen merke ich, die sich in mir ausbreitende Erschöpfung und eine mollige Müdigkeit. Sie drücken sanft auf meine Augenlider und das Letzte, wessen ich mir noch aus naher Entfernung bewusst werde, bevor ich in einen erholsamen Schlaf versinke, ist eine mir schelmisch zuzwinkernde Zufriedenheit. Das Glück ist doch immer hier! Leise, still und unauffällig – eben ganz normal.

© Kristina Hazler 07/2010


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