Die Geschichte eines Engels

Mitten in einem Wald hat sich ein Mensch verloren. Vor lauter Bäumen um sich, sieht er den Weg nicht. Er ist verzweifelt, hilflos, am Rande der Ohnmacht, alles dreht sich um ihn. Er droht zu verdursten und zu verhungern. Der Körper schmerzt, will ihn nicht mehr tragen, so weit und so lange ist er gegangen. Der Tod scheint nahe zu sein. Er kann nicht mehr, er will nicht mehr. Die Müdigkeit scheint ihn zu übermannen. Weil ihn die Füße nicht mehr tragen wollen und die Augen nichts mehr erkennen können, bleibt er dort stehen, wo er gerade ist, nimmt einen tiefen Atemzug, vielleicht den letzten glaubt er, und öffnet seinen Mund und er lässt es laut, fast wütend, aus seiner Kehle schreien: „Warum hilft mir denn keiner?“.

Er sinkt zu Boden, fasst sich ans Herz und beginnt verzweifelt zu weinen. Alles ist egal. Alles fällt von ihm ab. Er will nichts mehr tragen. Er will nichts mehr haben. Er weint und weint den ganzen Schmerz aus sich heraus, bis er sich selbst aus seinem Inneren sagen hört: „Bitte, wenn da jemand ist, wenn du mich hörst, bitte helfe mir …“ Verwundert hält er den Atem an und fragt sich selbst: Wer soll da denn sein? Wer soll mir denn schon helfen?

Er fällt zu Boden und erschöpft schläft er ein.

Im Traum erscheint ihm ein Engel, der zu ihm spricht: „Du rufst nach Hilfe. Ich bin bei dir. Ich kann dir helfen, ich kann dir den Weg zeigen, wenn du willst.“ Der Mensch dreht sich im Schlaf um, schaut den Engel an und spricht zu ihm: „Wie willst du mir denn helfen? Was weißt du schon über mich? Du bist doch ein Engel. Dir ist es leicht zu leben. Du bist frei, du bist fröhlich, du kannst fliegen wohin du willst und tun was du willst. Wie sollst du mir denn schon helfen können? Was willst du mir denn schon erzählen können? Was weißt du schon von Schmerz und Leid?“ Der Engel hört zu und denkt nach. Irgendwie klingt es logisch. Der Engel sieht zwar aus seiner Warte den Weg aus dem Wald direkt vor sich und er weiß, er könnte den Menschen durchlotsen. Aber der Mensch hat recht. Er weiß nicht, wie es ist, im Wald verloren zu sein.

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Der Engel versteht nicht ganz, also geht er zu Gott und fragt, was Sache ist: „Ich verstehe es nicht. Da ist ein verzweifelter Mensch und ruft nach Hilfe. Hast du mich nicht geschickt, um ihm zu helfen? Ich sehe den Weg aus dem Wald, aber der Mensch, der will nicht sehen, der will nicht auf mich hören, was soll ich denn tun?“ Und Gott fragt den Engel: „Was möchtest du denn tun?“ und der Engel antwortet: „Ich möchte den Menschen helfen“. Gott fragt wieder: „Okay, also was möchtest du tun?“ Der Engel leuchtet in seinem Inneren auf und bekommt eine Idee! Der Mensch selbst hat es ihm eigentlich gesagt; er muss zuerst zum Menschen werden, damit der Mensch seine Hilfe annehmen kann. Und so passiert es auch. Der Engel wird zum Menschen, geht in den Wald, findet seinen Schützling, der noch immer verzweifelt nach Hilfe ruft. Der Engel sieht den Weg aus dem Wald klar vor sich, tritt vor seinen Schützling, reicht ihm die helfende Hand und bietet ihm seine Hilfe an. Der Mensch, volltrunken in seinem Schmerz, öffnet seine schweren Augenlider, verdreht die Augen, schüttelt den Kopf und enttäuscht wendet er sich von dem Engelmenschen ab, während er mit einer leisen Ironie in der Stimme spricht und gleichsam lacht: „Du?! Wie willst du mir denn helfen? Du bist doch genauso nur ein armer Mensch wie ich. Was willst du mir denn schon erzählen? Wohin willst du mich den schon führen? Lass mich lieber allein und geh dein Weg!“

Der Engel im Menschenkörper ist verblüfft. Jetzt versteht er nichts mehr. Zuerst war er der Engel und es war nicht gut genug. Jetzt war er der Mensch und es war nicht gut genug. Was war da nur los? Wieso, warum konnte er nicht seinen Job tun? Was stimmte denn mit ihm nicht? Warum lehnte ihn dieser Mensch sogar in so einer verzweifelten Lage ab?

Der Engelmensch setzt sich mitten im Wald auf einen Stein, nimmt seinen Kopf in die Hand und versucht dem Ganzen auf den Zahn zu fühlen, kommt aber zu keinem Ergebnis. Er kennt aber so eine Stelle, wo er immer nach einem Rat fragen kann. Also ruft er wieder Gott an und fragt: „Jetzt bin ich Mensch geworden und der Mensch will erst recht nicht, dass ich ihm helfe. Jetzt lehnt er mich ausgerechnet deswegen ab, weil ich ein Mensch bin.“ Die göttliche Stimme räuspert sich und spricht zu ihm: „Du bist kein Mensch, du hast nur einen menschlichen Körper angenommen …“ „Aha …?!“ ist der Engel verblüfft und fragt weiter: „… und was ist dann ein Mensch?“ und Gott fragt: „Möchtest du es denn wissen? Möchtest du es denn wirklich wissen?“ Der Engel denkt kurz nach und fragt noch: „Ist dem Menschen überhaupt zu helfen?“ und Gott fragt erneut zurück: „Möchtest du es denn herausfinden?“ und der Engel weiß nicht einmal wie, aber er bejaht. Er ist ja auch von Natur aus neugierig und möchte alles wissen, schon überhaupt, wenn die Möglichkeit besteht, dass er helfen kann. Und so passiert es: Mitten in einer Stadt, in einem Appartement, läutet der Morgenwecker, wie jeden Tag. Ein Wesen im Frauenkörper steht auf, schaut sich im Spiegel wie zum ersten Mal an und fragt sich: „Wer bin ich – verdammt noch mal?“

 © 01/2014 Kristina Hazler

Der Mensch und seine Heilung - Das göttliche Puzzle—————————-

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