Sehnsucht nach Bekannten loslassen

Eine Klientin hat mir folgende Zeilen geschrieben:

„Mir geht’s seelisch total schlecht. Ich fühl mich nirgends mehr wohl. Habe keine Kraft, keine Energie. Hab keinen Antrieb irgendetwas zu tun. Kann kaum essen, das Essen wird im Mund immer mehr. Könnt nur weinen. Habe Angst. Fühl mich verzweifelt. Weiß nicht mehr weiter … Ich will wieder die Alte werden (Energiebündel, Lebemensch), will mich wieder komplett Wohlfühlen, will wieder essen könne – was, wie, wann ich will. Will mich wieder „immun“ fühlen! Bitte! Was muss ich tun? Wann geht’s mir wieder gut?“

Dies sind die Zeilen einer jungen Frau, eine Woche nach ihrem einundzwanzigsten Geburtstag. Einer Frau, die wie sie selbst schreibt ein Lebemensch und voll Power sein kann. Plötzlich ist diese Kraft und Energie, die sie über die Zeit lebendig und lebensfroh gemacht haben irgendwo verdampft, statt dem erschüttert sie täglich eine starke Sehnsucht. Wohin? Und was muss sie tun um wieder „die Alte zu sein“, „immun“ gegenüber all der Trägheit, Hoffnungslosigkeit, Nichtsnutzigkeit und Raunzerei um sie herum?

Sehnsucht nach Altem

Ist es überhaupt anstrebenswert auf unserem Lebensweg Sehnsucht zu leben, sich nach dem Altem zu sehnen? Ist es doch nicht die Vergangenheit, das bereits Geschehene, Gelebte? Bietet uns das Leben nicht eine ausreichend bunte und breite Palette an Erfahrungsmöglichkeiten, als dass wir uns nach Bekanntem umschauen? Wie wäre es, enthusiastisch, gefüllt mit dem Forschungsgeist der Neugier und ungeduldiger Freude in den Tag hinauszugehen um die Abenteuer des Jetzt zu entdecken und zu erkunden? Ist es nicht gerade die Rückschau, die Sehnsucht nach dem alten Selbst, das die Seele einschränkt, keinen lebendigen Anstoß mehr gibt? Will sich doch die Seele nicht immer aufs Neue erfahren, erleben, ausdehnen, strecken, schreiten, tanzen – einfach bewegen, lebendig sein? Wie viele Male soll sich die Seele dem Menschen zuliebe das Gleiche ansehen? Kann sie dabei das bereits Erfahrene wieder und wieder erfahren? Wen wundert’s, dass wir uns bei gewissen Tätigkeiten, die wir hundert Mal getan haben, luftig, abwesend fühlen? Bei Tätigkeiten die Routine geworden sind – bei denen keine besondere Aufmerksamkeit, kein Dasein mehr gefragt ist – beim roboterartigen Ausführen, wo eher nur der Körper, die Hülle mit automatisierten Griffen und Bewegungen das tut, was zu tun ist. Wen wundert’s, dass wir uns beim Parlieren von auswendig gelernten, integrierten Phrasen und Überlegungen, die wir aus dem Ärmel schütteln, uns wie von weit zuhören und zuschauen. Wer braucht schon die Seele dabei?Sehnsucht, die Seele lacht, Lebensweg, Loslassen

Der Seele Eintritt verboten!

Ich persönlich hatte eine Erfahrung, einer für mich sehr seltsamer, aber für unsere „zivilisierte“ Zeit wahrscheinlich sehr bezeichnender Art. Es geschah in einem universitären Kurs, der uns Stundenten die höchste Kreativität abverlangte, der aus uns alles! rausholen wollte, uns zu Kapazitäten – die Neuerungen in die Welt bringen und sie zu etwas Besseren verändern sollten – animieren wollte. Ich bekam Punktabzüge, da ich in meiner schriftlichen Arbeit zu sehr mich, meine eigenen Ideen (die zwar auf das Gleiche angeblich raus kamen wie unsere Skripten), meine Seele reingesteckt habe. Und das war nicht gefragt! Ich habe einen nüchternen Stoff zu sehr mit meinem Herzen behandelt. Ich war angeblich zu leidenschaftlich, obwohl ich mich selbst wie gebremst und paralysiert fühlte. Es gelang mir sogar, trotz des nüchternen Stoffes, das auszuarbeiten, was meins war. Ja so etwas habe ich gewagt! Was für eine Unverschämtheit! Gefühle haben doch im harten Business nichts verloren! Was sollte ich aber tun? Die Skripten nachplappern? Warum noch einmal schreiben, was bereits geschrieben war? Wurde doch meine Begreiflichkeit des Stoffs nicht daraus ersichtlich, dass ich es in meins umwandeln und aus mir heraus weiter ausführen konnte? Ich habe angeblich zu wenig recherchiert und zu wenig fremde Quellen für meine Semesterarbeit benutzt, obwohl eine ganze Seite mit Querverweisen gefüllt war. Wozu noch mehr Fremdes, das mir selbst hohl klang und nichts sagte, wenn meine eigene Quelle nicht verschlossen war und ich selbst zu dem vorgeschriebenem Thema aus der Praxis und Erfahrung etwas sagen konnte und wollte? „Sie müssen sich mehr an den vorgegebenen Ton der Fachsprache halten …“ – war eine noch weitere Empfehlung zu meiner Arbeit.

Also das Seelische scheint in vielen Bereichen unseres Alltags ungefragt zu sein. Wie ist dann aber der Alltag zu bewältigen? Ohne Seele wahrscheinlich nur mit dem Eingeprägten und Automatisierten, eben mit dem Alten und Gewohnten. Mit Hilfe des Wissens und der Regeln der anderen. Und dabei wollen wir Freude und Glücksgefühle empfinden? Dabei wollen wir die Alten, von einst sein, denen das Leben Spaß machte? Aber waren wir damals – wahrscheinlich als Kinder – nicht beim (Selbst)Entdecken und (Selbst)Erforschen?

Füge dich, folge, sei brav – und lächle dabei?

Die junge Frau hat – da sie sich selbst und die Welt nicht mehr aushalten konnte, Tage in Tränen und heftiger Sehnsucht nach der bekannten Welt verbrachte und sich einfach nicht zu helfen wusste – ihren Hausarzt aufgesucht. Die Sache war scheinbar ziemlich bald geklärt. Mit einem Rezept für beruhigende und stimmungsaufhellende Psychopharmaka ist sie nach Hause gekehrt. War/ist das der Weg? Dem Menschen zum vermissten Glücksgefühl – in Momenten, in denen der Seele langweilig ist, wo sie ungewünscht, ungefragt ist, sich lieber versteckt und wegschauen soll – mittels künstliche Stoffe und Hormone zu helfen? Bleib beim Alten und werde dabei glücklich! Ist das das Motto unserer Zeit? Füge dich, folge, sei brav – und lächle dabei?

Erste Schritte

Eine Woche nach ihrem Geburtstag erwacht sie. Vor kurzem noch ein Mädchen, jetzt schon eine Frau. Wie nach einer schwierigen Geburt erblickt sie die Welt, in die sie erneut (in eine neue Ebene) geboren worden ist, wie zum ersten Mal. Und die Welt sieht plötzlich anders aus! Irgendwie ist es klar warum: sie war noch nie einundzwanzig! Wie bei einem Baby, das gerade ein paar Tage alt ist, ist jetzt ein (erneut) behutsames Umgehen, Geduld, viel Liebe und Aufmerksamkeit gefragt. Die ersten Schritte sind ja bekannterweise tollpatschig. Und auch jetzt geht nichts gleich so von der Hand wie man es bis jetzt gewohnt war, wie man irgendwo weiß, dass es gehen kann und sollte. Warum auch? Es ist eine andere Welt und andere Zeit. Die Seele hat jetzt endlich wieder zu tun. Sie muss rein, zurück in den Körper, der möglicherweise einige Zeit auf Sparflamme gefahren ist. Das System wieder zu entfachen, den abgesetzten Russ zu beseitigen ist anstrengend und dauert so einige Zeit. Die Seele ist aber fleißig bei der Arbeit. In so einem Moment sich einfach zu besinnen und zu vertrauen, dass das Richtige geschieht, scheint mir die beste Medizin. Die Seele, wenn man sie lässt, arbeitet nie gegen einem Selbst! Warum sollte sie auch? Ein paar Wochen oder Monate vergehen, bis sich die junge Frau wieder in ihrer Haut heimlich fühlt. Und die Seele? Wenn man auf der menschlichen Ebene bewusst und freiwillig kooperiert, lässt sie sich nicht mehr so leicht verscheuchen. Sie nimmt die Zügel in die Hand und führt einen auf den Weg. Der Mensch ist in so einem Moment in den besten Händen – auch wenn er Selbst es noch nicht versteht.

Und, nicht vergessen! – solche Neuorientierungs-, Verschiebungs-, Umbauphasen haben wir nicht nur mit einundzwanzig, sondern jeder individuell, immer wieder, in gewissen Abständen.

Was kann der Mensch tun? Wie kann er mithelfen?

Der Mensch könnte reinhören und vertrauen. Auf das Leben und auf sich. Wenn er alle scheinbar widrigen Umstände als Illusion enttarnt, wenn er sich von „es muss so sein“ darüber hebt, dann könnte er die Sinnhaftigkeit seines Zustandes erahnen und erspüren. Dann könnte er auch verstehen, dass alles, was in seinem Leben passiert, zu seinem Besten ist, und dass jegliche Herausforderung gerade so groß ist, wie er bereits die Fähigkeiten und Instrumente zur Bewältigung parat hat.

Ist es nicht großartig in Momenten der scheinbaren Ohnmacht, vor einer Mauer stehend, zu wissen: „Es ist so weit! Ich bin so weit! Ich bin bereits fähig mich dieser Mauer zu stellen. Ich habe alles was ich dazu brauche – ich habe mich! Alles ist in meiner Seelenhand!“

Alles ist in Ordnung!

Tief einatmen, sich beruhigen – alles ist in Ordnung- auch die Sehnsucht – alles ist so, wie es sein soll. Es ist eine neue Erfahrung. Möglicherweise fühlt es sich nicht besonders angenehm an. Meistens haben wir doch einen Weg vor uns, den  wir so, wie wir gerade sind, noch nicht gegangen sind. Wir haben die Wahl: Wir können den Weg – unseren Weg, oder das Alte wählen. Wir können vertrauen und uns einlassen, aber wir können auch zweifeln und verzagen.

Du bist auf deinem Weg nicht allein und du hast alles (bist mit allem ausgestattet), was du für deinen (weiteren) Weg brauchst. Du bist soweit – immer (!) – für den Schritt den du gerade tust! Ic

Höre in dich rein, atme die Sehnsucht in dir und währenddessen spüre, wie etwas in dir erkennend, anerkennend, erleichtert schmunzelt und sich an die Arbeit macht. Einem neuen Abenteuer steht nichts im Wege – das Herz, die Seele lacht.

© 03/2016 Kristina Hazler

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