Die Rückkehr zu mir selbst – Praktiziertes Selbstvertrauen

Angst vor dem Fall

Libuša, 33

 

Von klein auf wurde ich nur von der Mutter erzogen. Meine Eltern ließen sich scheiden als ich gerade ein Jahr alt war. So bin ich ohne Vater aufgewachsen in einer, für die Zeit untypischen und noch dazu atheistischen Familie. Scheidungen waren damals nicht akzeptiert und nicht so in „Mode“ wie heute. Ein geschiedener Elternteil wurde als ein minderwertiger Teil der Gesellschaft angesehen. Meine Mutter musste lernen, mit ihrer Situation alleine zu Recht zu kommen, nicht nur im Rahmen der Familie und der Sicherung der Existenz, sondern auch gegenüber der Gesellschaft. Vater habe ich insgesamt nur wenige Male gesehen. Weil Mutter ein Partner fehlte, teilte sie alles intensiv mit mir. Es gab nur uns zwei in unserem Leben. Solche Themen wie Sicherung der Einnahmen fürs Essen und warum sich die Mutter nicht leisten konnte, mir ein Spielzeug zu kaufen, lernte ich bereits in meinen jungen Jahren zu verstehen.

Mutter bemühte sich, Wege für das leichtere Leben und das Funktionieren unserer kleinen Familie zu suchen, bis sie den Weg zum Glauben fand und so wurden wir beide Christinnen. Ich war damals gerade 10 Jahre alt, musste mich taufen lassen, die Kommunion und die Firmung mitmachen, obwohl ich nicht an Gott glaubte und unbewusst mit solchen Entscheidungen kämpfte. Dieser Kampf war wahrscheinlich auch das erste Warnsignal, das ich in mir bewusst spürte. Nach und nach lernte ich dennoch, aufgrund des Drängens von Mutter „zu glauben“, konnte es aber niemals in der Tiefe spüren, nahm es nur als „so tun als ob“ wahr und wusste, dass ich mich selbst von etwas zu überzeugen versuchte. Aus diesem Zustand heraus hatte ich damals seltsame Erkenntnisse: Ich beobachtete, dass ich, wenn wir am Sonntag in die Kirche gingen, die ganze Woche in der Schule ausgezeichnete Ergebnisse hatte, aber wenn wir nicht in die Kirche gingen, dann waren meine Noten schlechter, obwohl ich zu Hause (unabhängig von der Kirche) betete. Ich fragte mich, wo dabei der Unterschied bestand. Unterschied es sich, ob ich in der Kirche oder zu Hause betete? Gott ist doch überall! Die eigene Erfahrung schien mir aber zu kommunizieren, dass ausschließlich der pflichtbewusste regelmäßige Kirchgang die Garantie für meinen Erfolg in der Schule war. Und so bekam ich unbewusst Angst vor dem Glauben. Erst später wurde mir bewusst, dass der Glaube in mir Angst vor dem Leben, statt Vertrauen in das Leben erzeugte. Unbewusst schaltete sich in mir die verkehrte Logik[1] ein, die mich zu überzeugen versuchte, dass wenn ich etwas möchte, ich es mir in der Kirche erbitten müsse, und dass es nur so und nicht anders mit Gott funktioniere.

Mit der Zeit begann meine Mutter Bücher mit geistigen Themen zu lesen. Eine große Entdeckung war für sie das „positive Denken“. Ich wurde gerade 11 und nahm das zweite Warnsignal in meinem Leben wahr, als ich feststellte, dass mich Mutter von etwas zu überzeugen versuchte, mit dem ich innerlich nicht einverstanden war. Sie begann sich zu verändern. Sie durchbrach verschiedene, durch die Erziehung und von der Gesellschaft übernommene Glaubensmuster. Das Leben wirkte auf einmal heller und einfacher, und ich änderte mich selbstverständlich gemeinsam mit ihr, so wie jedes Kind und jedes Wesen durch die Umgebung in der es existiert beeinflusst und geformt wird. Das weiß ich selbstverständlich erst heute, aufgrund meiner eigenen Begegnungen mit dem Thema Manipulationen, die ich in Folge erlebte.

Positives Denken

Mein Verstand und mein Wesen lernten immer mehr positiv zu denken. In der Früh, bevor ich in die Schule aufbrach, wiederholte ich in meinem Kopf positive Sätze darüber, wie ich den Tag gut schaffen und gute Noten bekommen werde. Und die Erfolge ließen nicht lange auf sich warten. Unser Leben wurde tatsächlich besser, aber heute weiß ich auch, dass ich bereits damals begann, vor dem natürlichen Lauf des Lebens zu flüchten. Durch das positive Denken lernte ich nämlich, alle negativen Dinge des Lebens zu ignorieren und erlaubte mir somit nicht, die Fähigkeit zu entwickeln, diese auf natürliche Weise zu verarbeiten. Und vor allem, wie konnte ich wissen, was von dem Ganzen für mich letztendlich positiv und was negativ war? Inzwischen sind Dinge, die von der Gesellschaft paradoxerweise als negativ genannt werden (ich selbst nenne diese nicht mehr so), für mich solche, die mich zwar verletzen, aber mir gleichzeitig Selbsterkenntnis und Lebenskenntnis bescheren, für die ich inzwischen fähig bin, dankbar zu sein.

Als ich zu einer Erwachsenen heranreifte, fiel ich immer mehr in die Rolle des Partnerersatzes meiner Mutter. Sie hatte dadurch anscheinend kein Bedürfnis, sich einen Partner zu suchen. Wir sprachen viel miteinander über alles Mögliche und lösten die Aufgaben des Haushaltes gemeinsam. Wir hatten ein freundschaftliches Verhältnis, das über die gängige Mutter-Tochter Rolle hinausging.

Wie das so ist, wenn man den Raum der ungeahnten Möglichkeiten öffnet, beginnen sie eine nach der anderen aufzutauchen. So begann Mutter immer mehr in die spirituelle und geistige Welt einzutauchen. Sie entdeckte zum Beispiel Feng-Shui, was zur Folge hatte, dass sie zu Hause Möbel umstellte, entsprechende bunte Stoffe kaufte und uns sogar nach den, von Feng-Shui zu bestimmten Zwecke festgelegten Farben kleidete.

Im Jahr 1998 besuchte Mutter zusammen mit einer Freundin eine Gesundheitsmesse bei uns in der Stadt. Einer von den angebotenen Workshops, widmete sich der „Heilenergie“. Für die damalige Zeit in der Slowakei ein unbekannter Begriff. Die Heilenergie sollte nämlich alle gesundheitlichen Probleme heilen. Obwohl Mutter und mich keine gesundheitlichen Probleme belasteten (wir lebten ein relativ zufriedenes Leben), sagte sich Mutter: „Warum sollte man auch nicht so etwas in petto haben, man weiß ja nie, wann man es gebrauchen kann.“ und meldete sich zum Ausbildungskurs an.

Bis dahin hatte ich alles, womit Mutter angekommen war, geglaubt oder gelernt zu glauben. Sie war doch meine Mutter, die Person, der ich am meisten vertraute und noch dazu eine „Erwachsene“. In meinem damaligen kindlichen Verständnis war sie ein Wesen, das alles wusste und dem ich vollständig vertrauen konnte. Soweit ich weiß, galt zu der Zeit ein Kind noch nicht als ein vollständiges Wesen. Ein Wesen, das trotz seines jungen Alters, ein eigenes Fühlen, Wahrnehmen und die Fähigkeit zu beobachten hätte. Nur die Eltern und andere Erwachsene waren die einzigen, die über das Kind entscheiden konnten.

Positives Denken, Feng-Shui und andere Sonderheiten waren Dinge, die ich in meinem zarten Alter von 14 Jahren noch fähig war irgendwie psychisch zu verarbeiten und mit meinem jugendlichen Verstand auf meine eigene Art zu verstehen! Aber es war an der Grenze, weil in der Schule, in meinem Freundeskreis niemand von solchen Sachen sprach. Es waren in der Gesellschaft, in der wir lebten, unbekannte Richtungen. Wenn ich also meine Freunde nicht verlieren wollte, musste ich meine Erlebnisse aus den „anderen“ Bereichen für mich behalten.

Heilenergie – Einweihungsprozess

Und so kam das dritte Signal. Das Signal des Misstrauens in das, womit Mutter auf mich zukam – alles was sie entdeckte, bzw. wovon sie entdeckt wurde. Heilenergie – ein Begriff, mit dem ich als 14-jährige umgehen können sollte. Es war zwar ein Alter, in dem ich schon mehr meinen Willen äußern durfte, wurde aber noch immer nicht so weit akzeptiert, dass er für die Erwachsenen eine Gültigkeit gehabt hätte. Das Konzept der Heilenergie, so wie es mir präsentiert wurde, konnte ich innerlich nicht annehmen, sondern kämpfte wortwörtlich damit. Mutter absolvierte die Heilenergieausbildung mit einer Einweihung. Der Ausbildungskurs fand beim Meister zu Hause statt, zusammen mit weiteren Teilnehmern und selbstverständlich gegen Bezahlung. Eine der ungeschriebenen Bedingungen für das erfolgreiche Absolvieren des Kurses war, dass die Teilnehmer aufhören sollten Fleisch zu essen, Alkohol zu trinken und am besten nicht zu rauchen, obwohl der Meister selbst rauchte. Sie konnten sich entscheiden, entweder 21 Tage kein Fleisch zu essen und dadurch eine Reinigungsphase zu durchlaufen oder mit dem Fleischessen für immer aufzuhören, was effektiver für die Wirkung der Heilenergie und das Leben im Bewusstsein sein sollte. Zusätzlich war es notwendig, regelmäßig mit dem eigenen Engel und Meister zu meditieren, sich von den Sorgen und Energieverschmutzungen zu reinigen und die Aura und Chakren zu klären.

Mutter hörte von einem Tag auf den anderen auf Fleisch zu essen und begann zu meditieren. Räucherstäbchen rauchten bei uns tagtäglich, und sie versuchte alles zu heilen, was bei uns so gesundheitsmäßig aufgetaucht war. Es genügte, ihre Hände auf die Schmerzstelle aufzulegen und die Heilenergie in der Schmerzstelle zu empfangen. Sie traf sich immer öfters mit dem Meister und anderen Kursteilnehmern. Später begann der Meister sogar, uns zu Hause zu besuchen. Mutter schien endlich die Richtung ihres Lebens gefunden zu haben, während ich all das abgrundtief hasste und von mir wies.

Trotz der Tatsache, dass Kindern die Einweihung nicht erlaubt war, haben Mutter und der Meister nach mehreren Konsultationen beschlossen, dass es für mich besser wäre, wenn ich auch die Einweihung bekäme. Der Meister war hellsichtig und sah, wie mir etwas Schreckliches zustoßen sollte, und deswegen schien es ratsam zu sein, dass ich mich mittels Einweihung schützte. Und als wäre es nicht genug, erfuhr ich noch zu all dem, dass ich ein besonderes Wesen auf dieser Welt sein sollte. Es schrieb sich das Jahr 2000 und ich war gerade Mal 15 Jahre alt! Wie hätte ich all das innerlich verarbeiten sollen? Was soll in einem geschehen, wenn er im pubertären Alter erfährt, dass ihm etwas Schreckliches droht und das noch wahrscheinlich deswegen, weil er etwas Besonderes ist??? Selbstverständlich ließ ich mich überreden! Ich willigte ein. Was blieb mir anderes übrig, wenn die einzigen Menschen, denen ich vertraute davon so überzeugt waren?

Fleischlose Ernährung ist noch lange nicht vegetarisch

Damals wusste ich aus dem Geographieunterricht gerade Mal, wo sich mein Land befand und welche Industrie es hatte, aber nichts über die Welt. Mit den Freundinnen redeten wir unaufhörlich über die ersten platonischen Verliebtheiten, über Mode und Teenieprobleme. Das Funktionieren der Welt, der Politik, des Systems, des Glaubens stellten für mich das große Unbekannte dar. Sowohl für mich, als auch für andere Teenager noch unbedeutende und nicht gelebte Themen. Aufgrund meiner unerwachsenen Sicht der Dinge war ich mit einem Fingerschnipsen manipulierbar. Ich war zwar dabei, mir meine eigene Meinung zu bilden, das aber selbstverständlich in Bereichen, die meinem Alter entsprachen. Hinter die Kulissen des Weltgeschehens blickte ich nicht – wie konnte ich auch, war ich doch nur ein Kind! Und da ich keinen Einblick in das Weltgeschehen hatte, wie sollte ich das Funktionieren und Wirken von verschiedenen energetischen Ebenen und Energiearbeit durchschauen? So lernte ich fleißig zu meditieren, wurde zu einer gedachten Vegetarierin und ertrug in mir all die inneren Unruhen und Kämpfe, bis ich (ohne es zu wissen) lernte, mich selbst zu überzeugen, das alles zu mögen und meine wahren Empfindungen und Einstellungen zum Ganzen zu vergessen. Ich lernte „mich selbst zu vergessen“! 

Mitschüler und Freunde fragten mich öfters, warum ich eine Vegetarierin sei und behaupteten, dass ich sterben würde, wenn ich kein Fleisch esse. Dem Meister zufolge sollte ich allen erklären, dass ich keine Vegetarierin bin, sondern nur kein Fleisch esse. Was erstaunlicherweise der Wahrheit entsprach, wie ich heute weiß. Der Meister hat nämlich nie erwähnt, dass man die im Fleisch enthaltenen und für den Organismus notwendigen Nährstoffe durch entsprechende pflanzliche Nährstoffe ersetzen sollte. Aus seiner Sicht konnte sich der Körper die fehlenden Nährstoffe selbst bilden, was ich heute gar nicht abstreite, jedoch weiß ich, dass das Bewusstsein des Menschen zuerst einmal so weit sein muss, um dies zu ermöglichen. Ich selbst wusste nicht, was ich den Menschen erzählen sollte und so habe ich fröhlich gelogen und vorgetäuscht, dass es meine Entscheidung sei und wie nützlich und großartig es für die Gesundheit des Menschen sei, obwohl ich selbst keine Ahnung hatte, warum ich kein Fleisch aß. Internet gab es noch nicht, doch ich hatte sowieso kein Bedürfnis, mich darüber zu informieren. Die bekam ich doch von den „Erwachsenen“, denen ich vertraute: von meiner Mutter und dem Meister.

Dazu möchte ich noch anmerken, dass ich mich damals gerade in einer Phase einer der wichtigsten körperlichen Entwicklungen befand. Deswegen sollte man mit solchen „Experimenten“, durch welche ich durchgegangen bin, vorsichtig sein und ihre Folgen auf die Entwicklung des Kindes bedenken! Ich erlebte sie so, wie ich in den nächsten Seiten schreibe (berichte).

Die fremdbestimmte Auserwähltheit

Inzwischen tadelte mich der Meister permanent dafür, dass ich zu wenig meditierte, wohl wissend, dass ich ein auserwähltes Wesen bin. Ich selbst fühlte mich nicht besonders, einfach nur so als grauer Durchschnitt. Aufgrund seiner regelmäßigen Mahnungen, was für eine wichtige Rolle ich in diesem Leben haben soll und Warnungen vor der Nichterfüllung dementsprechender Aufgaben, wurden die Ängste davor immer größer. Obwohl ich keinen Einblick in viele Dinge hatte und sie nur mit kindlichen Augen wahrnahm, zwang ich mich täglich brav zu meditieren. Ich fuhr in einem Zug mit, und es war mir nicht möglich, mir bewusst zu werden, dass es möglich war aus ihm auszusteigen, weil ich die Ideen und Worte des Meisters als eine allgemeingültige Realität verstand. Ich hatte keinen Durchblick und keine Lebenserfahrung, womit ich hätte einschätzen können, dass es sich nur um eine „Richtung“ oder sogar ein Dogma handelte. Und so kam die Zeit, sich auf Empfehlung des Meisters, in die nächste Stufe der Lehre einweihen zu lassen. Ich habe selbstverständlich auch hier keinerlei Bedarf empfunden. Mutter sparte aber das notwendige Geld an und ließ uns beide in die nächste Stufe der „Lehre“ einweihen. Ja, aus dem ursprünglichen Kurs formten sich langsam das Wort und die Idee der „Lehre“. Nach dem Absolvieren der nächsten Stufe konnte ich bereits Heilenergie auch über die Ferne versenden und die Räume mittels bestimmter Symbole harmonisieren. Ich konnte sie auch als Hilfe beim Zahnarztbesuch benutzen, damit ich die Untersuchung leichter ertrug oder damit ich mich ruhiger während einer Prüfung fühlte, oder jemanden über die Ferne half, wenn ihm etwas weh tat… usw. Meditationen bekamen eine tiefere Richtung. Kein Fleisch zu essen war offiziell noch immer wählbar, aber zwischen den Zeilen wurde es zur Pflicht. Als Nächstes sollte ich aufhören Eier zu essen, zu rauchen. Alkohol und Kaffee trinken sollte ich auch nicht mehr. Verstärkt und regelmäßig sollte ich mich von fremden menschlichen Energien reinigen und durch einen visualisierten Schutz meinen Körper und die Aura vor ihnen schützen. Gleichzeitig sollte ich mehr Verantwortung übernehmen, wie auch mir der Verantwortung für meine Taten bewusst werden– ein bewusstes Leben führen. Heute weiß ich, dass ein bewusstes Leben sicher nicht bedeutet, sich vor Menschen zu schützen und sich von ihren Energien zu reinigen!!!

Auch im Kurs war ich das einzige nicht volljährige Kind. Ich bekam einen immer stärkeren Druck in meinem Solarplexus und ein Brennen am ganzen Körper. Ich wurde nervös und gereizt im Kontakt mit Menschen und in der Öffentlichkeit. Unter Druck begann ich zu verinnerlichen, wie auserwählt ich sein soll, obwohl ich es in mir selbst nicht spürte. Der Meister erzählte mir ununterbrochen, wie wenig selbstbewusst ich sei und dass ich an meinem Selbstbewusstsein intensiver arbeiten und noch mehr meditieren sollte. Er selbst entwickelte sich gemeinsam mit uns und bekam (von höheren Sphären) regelmäßig neue Informationen zu sich selbst, die er uns anschließend präsentierte und erklärte, was für ein großes auserwähltes Wesen er selbst sei. Anschließend begann er seine neue Entdeckung der Hilfestellung zu praktizieren: das „Entknoten“ des Karmas. Das sogenannte Entknoten bedeutete nicht, dass das Karma von einer Sekunde zur anderen aufhörte zu existieren. Wir waren uns bewusst, dass es einen Prozess auslöst, durch den wir selbst durchgehen müssen. So wie im normalen Leben, wenn ein Mensch etwas zu lösen versucht. Es sollte nur leichter gehen, und als Unterstützung gab der Meister den Menschen während der „Entknotung“ auch zusätzliche Energie über tiefen Augenkontakt. Wenn jemand langzeitig mit etwas in seinem Leben ein Problem hatte, reichte es aus, zum Meister zu gehen. Der gesamte Prozess fand bei ihm zu Hause statt, wo die Menschen in einem Raum zusammensaßen und auf den Knien vor den Meister traten. Er nahm dann den Kopf des Betroffenen in die Hände und entknotete auf der energetischen Ebene Karma, also die Stellen, die „er“ als problematisch sah. Nach solchen Treffen fühlten wir uns mindestens eine Woche lang zufrieden und glückselig. Diese Hilfeseance bot er einmal im Monat an. Ich hatte in meinem pubertären Alter keine besonderen Probleme, aber laut Meister war es vorteilhaft, wenn ich diesen „Entknotungen“ auch regelmäßig beiwohnte, selbstverständlich gegen eine finanzielle Gegenleistung. So lernte ich immer mehr, wie ich mich vor allen und vor allem schützen musste.

Eine weitere Neuheit, die im Laufe der Zeit vom Meister zu unserem Schutz eingeführt wurde (die aber keiner von uns verlangt hatte) war, dass wir visualisieren sollten, wie wir „unangenehmen“ Menschen mit einem Energieschwert die Köpfe abschneiden und das als Ausdruck unserer größten „Liebe“. Wenn ich mich also von jemandem bedroht fühlte, dann sollte ich, im Rahmen der Selbstverteidigung, ihn im Geiste einfach energetisch köpfen. Mir persönlich wollte es nie gelingen. Mir stockt das Herz, wenn ich jetzt meine eigenen Zeilen darüber schreibe und lese. Heute weiß ich, dass auch wenn es sich um die sogenannte visuelle, außersinnliche oder energetische Ebene handelt, sie trotzdem eine bestimmte Wirkung hat, so wie auch die geistigen Handlungen auf diesen Ebenen eine Wirkung haben, ob ich es will oder nicht. Mir selbst ist es unangenehm, wenn ich mir vorstelle, dass mich jemand in seiner Vorstellung köpfen oder mir etwas anders antun würde, und das oft auch nur deswegen, weil ich ihn zum Beispiel an diesem Tag nicht angelächelt hatte. Interessant ist, dass niemand diese Technik hinterfragte, als würde es sich um die gängigste Sache der Welt handeln: Aus sogenannter Liebe, andere zu köpfen. Mit diesem Wissen kann ich mir heute besser vorstellen, wie manche Menschen manipuliert und „kopflos“ zu Gewalttaten, die sie von sich aus niemals begehen würden, angestiftet werden.

Inzwischen weiß ich, wie stark meine Psyche sein muss(te), um so etwas ohne größere psychische Schäden zu überstehen.

Das prophezeite Unglück geschieht

Knapp vor der Vollendung meines 18-ten Lebensjahrs entschied ich mich spontan, mit meinem Vater Kontakt aufzunehmen und eine Beziehung zu ihm aufzubauen. Bis dahin kümmerte sich vor allem Mutter um mich. Mein Wunsch, mit meinem Vater eine enge Beziehung aufzubauen löste in mir tiefe und intensive Gefühle aus. Vor allem spürte ich, dass es mein eigener Wunsch war! Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich eine feste Entschlossenheit in meiner Entscheidung. Ich stellte mir vor, wie ich ihn anrufe, wie wir uns das erste Mal treffen und beginnen, all das nachzuholen, was wir gemeinsam nicht erleben konnten. Ich schaffte es noch nicht einmal, mir dieser Vorstellung richtig bewusst zu werden, schon kam ein paar Tage später die Nachricht, dass mein Vater auf tragische Weise verstorben sei – er wurde ermordet. Von einer Minute zur anderen war ich dabei mich von jemandem zu verabschieden, den ich noch gar nicht, oder nur ganz wenig kannte. Zum ersten Mal wurde mir während meines Weinens etwas Eigenartiges bewusst: Ich wusste eigentlich gar nicht, warum ich weinte und wem ich nachweinte. Als wäre das Weinen irgendein Programm. Ich fragte mich selbst, wie (warum/worüber) ich weinen sollte und mit welchem Gefühl. Weinte ich gut? Und wie weinte man richtig, wenn man einen Vater verlor, mit dem man keinerlei Verbindung hatte? Eine Antwort darauf suchte ich vergeblich. Mittlerweile weiß ich, dass eine Antwort immer in der Nähe ist, und dass ich in diesem Moment genau das fühlte, was ich eigentlich suchte!

Der Tod meines Vaters war aus der Sicht des Meisters wahrscheinlich das Unglück, das mir geschehen sollte, wie von ihm vorausgesagt. Damit ich es besser bewältigen und mich vor weiteren tragischen Lebensereignissen schützen konnte, empfahl er, mich in die dritte Stufe der Lehre einweihen zu lassen. Erneut verspürte ich selbst keinen Bedarf. Mutter sparte aber wieder Geld und ließ uns beide einweihen. Immer mehr musste ich mich selbst davon überzeugen, dass ich tatsächlich auserwählt bin und baute mir mein Selbstbewusstsein auf der Ego-Ebene auf, obwohl es der Lehre nach eigentlich um das Gegenteil (die Auslöschung des Egos) gehen sollte. Ich schützte mich also durch Techniken, in die ich eingeweiht war und hüllte mich in goldene Energien genau so ein, wie es mir beigebracht wurde. Und ich war eine „glückliche Vegetarierin“, während ich selbst irgendwo schwand und an meiner Stelle jemand Illusorisches hervortrat.

In all den Jahren ist keiner von uns zwei (Mutter und mir) bewusst geworden, welcher schweren Illusion wir von Anfang der Einweihungsstufen erlegen sind. Die Verblendung war so groß, dass wir es mitten im Strudel nicht geschafft haben zu erkennen, in welchen Ängsten wir lebten. Obwohl immer mehr Freunde aus meinem Umkreis schwanden, schien laut der „Lehre“ genau das mein Vorankommen zu bestätigen! Ich hatte immer weniger Möglichkeiten, mit jemanden darüber zu sprechen, was ich tatsächlich erlebte. Ich selbst verstand Menschen immer weniger, bis sich in mir das Gefühl festigte, dass auf dieser Erde kein Platz mehr für mich war.

***

Zum ersten Mal weg von zu Hause

Im Jahr 2007, ich war 22, nahm mich eine Freundin mit ins Ausland, um dort zu arbeiten. Zum ersten Mal war ich weg von zu Hause. Dort begegnete ich meinem ersten ernsten Job und meiner ersten (ernsten) großen Liebe. Ich kam in den üblichen Arbeitskreislauf. Ich lernte einen Haushalt gemeinsam mit einem Partner zu führen und ein erwachsenes Leben zu leben. Und wenn man alles unter Kontrolle hat, wenn alles läuft, dann bleibt einem plötzlich die Zeit über Verschiedenes nachzudenken. Meine gedachte „To-do-Liste“ war fast zu 100% abgehakt. Ich sagte mir: Super, die Matura habe ich gemacht „wie es sich gehört“, jetzt bin ich erwachsen, habe einen Freund und ein Dach überm Kopf, so wie eine Arbeit „wie es sich gehört“. Das Einzige, was mir noch in der Liste fehlte war, eine Familie zu gründen „wie es sich gehört“. Dann kam zum ersten Mal das Gefühl auf, dass das irgendwie zu wenig im Leben ist: Nur mehr das Ziel, einen Ehemann und Kinder zu haben, zu erfüllen. Aber gerade dieser Punkt war derjenige, den ich irgendwo im Hinterkopf so empfand, als wäre er nicht im Einklang mit mir. Nur warum sich darüber den Kopf zerbrechen, was ich fühle, sagte ich mir. Wichtig war doch so zu tun „wie es sich gehört“, so wurde ich von der Gesellschaft erzogen. Irgendein Programm, das ich in mir, unbemerkt und ohne meine Gefühle und Wahrnehmung zu berücksichtigen, integrierte.

In all dem empfand ich große Unfreiheit und Einschränkung, die ich in den spirituellen Kreisen in der Slowakei aufgesaugte. Auch im Ausland lebte ich dauernd in der zwanghaften Vorstellung, wie ich meditieren und wie bewusst ich leben musste. Alles hat sich in mir dagegen gesträubt, ich weinte aus der Verzweiflung heraus, wie ich diesen Zwang hasste. Ständig hielt ich die ungeschriebenen Regeln ein: Kein Fleisch, kein Alkohol, keine Zigaretten, meditieren auch dann, wenn es mich nicht erfüllte. Alles übte ich unter der Wirkung der Drohung aus, dass wenn ich etwas davon nicht einhalten würde, könnte ich Gott, meinen inneren Engel und den Meister verärgern und mir so ein großes Unglück erschaffen. Unglaublich, unter welch illusorischer Angst und Unfreiheit ich all die Jahre lebte!

Schicksalstag

Und so kam mein Schicksalstag im Ausland, der 18. Mai 2008. Ich kam wie immer zur Arbeit in die Kuchenfabrik. Es war ein Tag wie jeder andere und doch nicht. Ohne Vorwarnung kippte ein großes Regal mit Rohstoffen auf mich. Es waren 120 Kilos reiner Schokolade. In dem Moment, mit meinen frischen 23 Jahren voller Elan, wendete sich mein Leben um 180 Grad. Den Unfall überstand ich mit blauen Flecken am gesamten Körper, aber mit langjährigen Folgen: starke Kopfschmerzen, die über ein halbes Jahr lang nicht aufhören wollten. Bis heute bleiben mir noch das körnige Sehen, Tinnitus, dauerhaftes Vibrieren in den Händen und Beinen und ein geschwächtes Gedächtnis. Und auf einmal halfen die Heilenergie und Meditationen nicht mehr! Darüber hinaus musste ich als Langzeitarbeitsunfähige das Land verlassen und nach Hause zurück zu Mutter.

Nach und nach schwand mir auch der Schlaf, bis ich wegen ständigen Schmerzen gar nicht mehr schlafen konnte. Dazu kamen noch Panikattacken, während denen ich aufhörte zu atmen. Zum ersten Mal im Leben geschah mir, dass ich eine längere Weile nicht atmete und in Ohnmacht fiel. Das Interessante dabei war, dass ich, nachdem ich wieder zu mir kam, keine Angst mehr verspürte, mich sogar besser fühlte als vor der Attacke, während ich beobachtete, wie Mutter in Panik geriet, und ich sie zu beruhigen versuchte, damit sie der Rettung mein Geburtsdatum nennen konnte. Die ganze Zeit bis der Rettungswagen kam, war ich mit einem, mir bis dahin unbekanntem Gefühl des Friedens erfüllt. Als hätte ich mich für eine Weile, dank dieses Zustandes, aus dem unlösbaren, verwunschenen Leben ausgeschaltet.

Die Ärzte verschrieben mir Schlaf- und Beruhigungsmittel. Endlich schlief ich zum ersten Mal nach einem halben Jahr wieder – es war ein unbeschreibliches Gefühl. Die Tage vergingen, doch die Medikamente brachten außer Schlaf keine weitere Erleichterung. Ich absolvierte unzählige Untersuchungen, ohne eine Diagnose erhalten. Ich selbst wusste nicht, wie ich es in einem Körper aushalten sollte, der 24 Stunden am Tag lautes Dröhnen in den Ohren, körniges Sehen und ständige Vibrationen hervorbrachte. Angst und Unsicherheit übernahmen mich immer mehr. Bis dahin konnte man doch alles heilen, zwei Wochen im Bett reichten und man war wieder gesund. Das hier dauerte aber schon ein ganzes Jahr. Die Diagnose stand noch immer nicht fest, und so blieb den Ärzten anscheinend nichts anderes übrig, als mir Antidepressiva zu verschreiben. Nach der ersten Dosis bekam ich starke psychotische Zustände und musste bei vollem Bewusstsein erleben, wie sich mein Körper, den ich gerade erst so kennengelernt hatte, gegen mich wendete. Ich übergab mich regelmäßig und wurde ohnmächtig. Gedanken wurden unkontrollierbar. Ihre Intensität war unerträglich, sie formten sich zu unzähligen Stimmen und Bildern in meinem Kopf. Die Angst war jetzt vielfach stärker als zu irgendeinem früheren Zeitpunkt. Ich wusste nicht, welche Reaktionen ich zu erwarten hatte. Von einer Stunde zur anderen steigerte und verstärkte es sich. Ich hatte keinerlei Kontrolle mehr über jegliches Geschehen. Irgendwo in mir beruhigte ich mich mit dem Gedanken, dass ich der Panik nicht verfallen dürfe, ich weiter atmen und Ruhe bewahren müsse, egal welche Empfindungen in mir auftauchten. Gleichzeitig sagte ich mir, dass ich unter keinen Umständen aus dem Fenster springen dürfe. Auch Kontakt mit einem Messer hätte mir gefährlich werden können, also versteckte ich das gesamte Besteck. Genauso wusste ich, dass ich nicht in den Spiegel schauen darf, weil ich in diesem psychotischen, unberechenbaren Zustand denken könnte, jemand Fremden darin zu sehen und mich somit selbst angreifen würde. Bis heute weiß ich nicht, wie ich das alles in mir wusste. Die ganze Zeit war ich ganz alleine zu Hause. In der Früh klang die Reaktion auf die Antidepressiva ab, aber es dauerte einige Wochen, bis ich mich an sie gewöhnte, bis ich anfing einigermaßen gut zu funktionieren. Die Unfallfolgen heilten nicht, aber ich konnte mit ihnen einigermaßen erträglich leben. Ab diesem Zeitpunkt änderte sich aber etwas! Ich wurde mir bewusst, dass ich und der Körper nicht ein und das Selbe sind. Ich begann zwei verschiedene Ebenen wahrzunehmen, als wäre ich in der Psychose fähig, einen übergeordneten Blick zu bekommen und zu beobachten, was mit dem Körper unabhängig von mir geschieht. Ein Zeichen für mich, dass ich mich selbst auf einer anderen Ebene als bisher erkannte.

Am Körperlimit

Mit der Zeit und durch die Beobachtung von mir selbst kam ich zur Erkenntnis, dass Antidepressiva meinen Organismus mit einer fälschlichen Vitalenergie gedopt haben. In Wirklichkeit haben sie nur meinen Körper auf einen bestimmten Leistungslevel eingestellt, den der Körper nicht von sich aus erzeugt hätte und der ihm nicht eigen war. Es war ein wortwörtliches Hochpeitschen zu mehr Leistungsfähigkeit. Ich begann das Limit des eigenen Körpers zu überschreiten. Obwohl ich in dem Moment eigentlich viel mehr schaffte, ich scheinbar intelligenter und selbstbewusster wurde, erkannte ich mich irgendwo in mir nicht mehr. Letztendlich führte es zu einer zusätzlichen Erschöpfung und Überbelastung meines Systems. Es wurde in einen Bereich hochgepuscht, wo der Körper nicht mehr mitkommen konnte, auch wenn der augenscheinliche Effekt das Gegenteil andeutete. Ich kam darauf, dass es sich um eine Abhängigkeit handelte. Eine Zeitlang konnte der Körper zwar auf der durch das Medikament vorgegaukelten Ebene künstlich funktionieren, mit der Zeit wurde es aber notwendig die Dosis zu erhöhen, weil sich der Körper daran gewöhnt hatte und erneut zu stagnieren begann, bzw. nicht mehr fähig war, die „erforderliche Leistung“, die durch die Tabletten initiiert wurde, zu erbringen.

Alternative Heimethoden

Ich begann auch verschiedene alternative und naturopathische Heilmethoden zu probieren, und auch der Meister versuchte mir zu helfen, aber es schien nichts zu wirken. Und weil auch nichts von seinen bewährten Heil- und Reinigungstechniken und der Karmaauflösung erfolgreich war,  kam er auf die Idee, dass ich meinen verstorbenen Vater um Hilfe bitten sollte. An einem späten Abend, als es schon dunkel geworden war (damit uns keiner sah) gingen wir also zum Grab meines Vaters. Wir standen vor dem Grab, und der Meister sagte mir an, was ich tun sollte. Ich sollte die Hände über den Kopf heben und sie mit Daumen und den Zeigefingern so verbinden, dass die Finger einen Dreieck bildeten und laut meinen verstorbenen Vater bitten, dass er mir hilft, all die Energien zurückzuschicken, die den Unfall verursachten. Und er sollte mir bitte auch sonst mit meinem Leben helfen. (Es wurden vom Meister auch Namen gewisser Wesenheiten (welche es waren kann ich mich nicht mehr genau erinnern), in Namen dessen dies alles geschehen sollte genannt). Ich selbst fühlte auch zum Zeitpunkt als Vater gestorben war und auch danach keinen Kontakt zu ihm und auch keine Präsenz von ihm oder etwas Ähnliches. Seine Gegenwart und Vaterfürsorge habe ich doch nicht einmal während seines Lebens gespürt, wie konnte er mir also in diesem schwierigen Moment behilflich sein? Er, das für mich entfernteste Wesen? Und wie sollte ich wissen, was er aus der Dimension, wo er sich als Toter befand, als Hilfe verstand?

Durst nach der Lebensfreiheit

In der Zwischenzeit beschloss ich, an der Wirtschaftsuni in der Hauptstadt zu studieren. Später im Jahr 2012, als ich 27 war, fand ich eine Arbeit in einer administrativen Stelle bei einer amerikanischen IT-Gesellschaft. Alles schien zu laufen. Und wieder kam der Moment für die „To-do-Liste“. Eines Tages saß ich an der Arbeit und fragte mich selbst: Und das ist alles? Ich schaffte es zwar, eine Arbeit zu finden, mich trotz der Unfallfolgen auf die eigenen Beine zu stellen, also dürfte ich nur mehr die Familie gründen „wie es sich gehört“? Und das sollte dann der Rest meines Lebens so sein. Nur noch arbeiten gehen, acht Stunden täglich, fünf Tage die Woche, essen, schlafen und Familie haben? Eine Familie, wovon ich nicht einmal wusste, ob ich sie wollte? Das sollte schon das ganze Leben gewesen sein? Das alles von der „To-do-Liste“? Es kam mir äußerst wenig und dafür zu einfach vor, als dass es dem Wort „Leben“ in mir gerecht wurde. In meiner Tiefe dürstete ich nach Lebensfreiheit.

Schon länger empfand ich, dass die Arbeit, die ich verrichtete nicht meine Erfüllung darstellte. Immer mehr und mehr kam in mir die Sehnsucht hoch, Menschen zu coachen. Durch eine Empfehlung von einem Bekannten kontaktierte ich einen BewusstseinsCoach, Kristina Hazler. Sie stammt ursprünglich aus der Slowakei, wirkt und lebt aber in Wien. Das persönliche Treffen mit ihr ließ in mir einen ganz anderen und mir bis dahin unerkannten Sinn des Coachings auftauchen. Ich dachte, dass Coaching eine Kombination aus an der Uni erlerntem psychologisch, soziologischen Informationen und Erkenntnissen über das Menschsein ist, gepaart mit einem Maß an Empathie gegenüber Menschen und der Fähigkeit, ihnen zuzuhören. Während des Treffens spürte ich das Verständnis zwischen uns und wie lebendig und tiefgründig wir über die Themen sprachen, die ich erlebte. So wurde mir bewusst, dass ich vor allem zuerst einiges noch selbst erleben und Erfahrungen sammeln musste, damit ich in Zukunft anderen helfen kann. Und so ließ ich vom Gedanken, andere zu coachen los.

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Angst vor dem Fall in die tiefste Dunkelheit

Unter anderem sagte sie mir, dass sie ein Gefühl hat, dass ich anfangen sollte, Fleisch oder zumindest tierische und eiweißhaltige Lebensmittel, wie Käse und Eier zu essen, weil sie Proteinmangel bei mir wahrnehmen konnte. Es gab noch weitere Gründe, die sie mir wegen meines inneren Widerstandes (die vom Meister programmiert wurden) zu dem Zeitpunkt nicht im Stande war, verständlich zu erklären. Unabhängig von ihr, wurde mir das Fleischessen auch schon von einer alternativen Beraterin empfohlen. Doch aufgrund des Dogmas in dem ich lebte, war es mir nicht möglich, Fleisch zu essen. In mir herrschte eine schreckliche Angst davor, in die tiefste Dunkelheit zu fallen und auch in meiner Entwicklung auf eine sehr niedrige Ebene abzusteigen, so wie es mir der Meister die ganzen Jahre suggerierte. Das bedeutete für mich in diesem Moment eine persönliche Verdammnis und den Tod. Mit der Wiener Bewusstseinscoachin oder der Coachin des Bewusstseins sprachen wir öfters über mein geistig-spirituelles Erleben und Fühlen. Sie konfrontierte mich mit Fragen, die in mir wieder den Weg zu meinen eigenen vergessenen Ideen und meinem eigenen Nachsinnen über das Leben öffneten, und ich konnte selbst zum ersten Mal hinterfragen, ob es für mich in Ordnung ist so zu leben, wie ich lebe. Anscheinend durch einfache Fragen spürte sie in mir das Notwendige auf, was ich mit mir dringend aushandeln sollte. Ich ging vom Treffen mit einem bis dahin unbekannten Gefühl, als hätte sie mich in einer Tiefe berührt, wie niemand zuvor. Dieses Gefühl war so unbeschreiblich, dass ich nicht fähig war, jemandem etwas von Kristina und über unsere Treffen zu erzählen. Später sagte sie mir, dass ihr das mit anderen Klienten öfters geschieht. Sie ist unter anderem auch eine Schriftstellerin und sie gab mir eins ihrer Bücher zu lesen, das bereits ins Slowakische übersetzt war, aber noch nicht veröffentlicht wurde, als hätte sie auf die richtige Zeit gewartet. Danach tauschten wir noch ein paar Coachingmails aus, dann verflüchtigte sich der Kontakt (irgendwie). Erst später erklärte sie mir, dass sie mich loslassen und meinen Weg gehen lassen musste, weil ich einen Hang zur Abhängigkeit von einer Führung und Leitung zu jemandem hatte. Ihre Coachingmethode bestand also nicht darin, dass sie einen neuen Meister, neue Meisterin für mich darstellte.

Unter großen Ängsten entschloss ich mich nach ca. 13 Jahren heldenhaft Fleisch zu essen! Nach und nach hörte ich auch auf zu meditieren, die Heilenergie anzuwenden und zum Meister zu gehen. Für jeden dieser Schritte musste ich mich ununterbrochen überwinden, auch beim kleinsten Schritt außerhalb des Gewohnten herrschte in mir panische Angst. Noch immer konnte ich nicht unterscheiden, ob der ganze spirituell-geistige Bereich der gültige göttliche Weg ist oder nur irgendeine Richtung im Leben, die ein Mensch ansteuern könne, aber nicht muss. Die langjährigen Dogmen von einem Tag auf den anderen zu verlassen, war mir nicht möglich.

Wunderheilmittel

Meine gesundheitlichen Probleme hörten nicht auf, und ich schaffte es nicht mehr, die Tabletten, die nichts geheilt hatten weiter einzunehmen. Das war im Herbst 2013, und ich war inzwischen schon 28 Jahre alt. Dann begegnete ich endlich meinem Wunderheilmittel: Die Raw-Ernährung. Rohkost: Obst, Gemüse, Nüsse und Samen. Alles ohne Wärmebehandlung. Eine Ernährung, die angeblich alles und alle heilen soll. Und so sagte ich mir voll Hoffnung und Enthusiasmus: Da gebe ich jetzt Vollgas! Mit Erleichterung ließ ich meine kurze Phase der Fleischernäherung hinter mir, auf dass ich endlich genese und von all den Medikamenten wegkomme. Wieder schien sich mir zu bestätigen, dass die einzige Ernährung, die heilt und die für mich die richtige ist, die fleischlose war. Die Situation und meine Zustände haben mich darin bekräftigt, dass Fleisch für mich nicht geeignet und dass ich in eine Falle getappt war. Als wäre es eine der göttlichen Prüfungen gewesen, so wie es mir der Meister all die Jahre mantrenartig wiederholte.

Unbewusst und mit ungenügend recherchierten Informationen habe ich mich Hals über Kopf in die RAW-Ernährung gestürzt. Und siehe da, mein Körper begann zu erblühen und Energie zu tanken. Aber schon ein Monat später schien ich mich einem zerstörerischen Abgrund zu nähern. Durch die Rohkost verbrannte ich mir (das weiß ich aber erst heute) den Magen, die Verdauungswege, Schleimhäute, Speiseröhre, Darm und mein Gewicht begann sich rapide zu reduzieren. Jedes einzelne Häppchen, das ich zu mir nahm schmerzte, sogar das Trinken von sauberem Wasser. Sofort versuchte ich auf die klassische Ernährung umzusteigen – was in meinem Falle die langjährige vegetarische Kost bedeutete, aber in diesem Stadium nicht mehr möglich war. Durch den unbewussten Umgang, durch die selbsternannte Spiritualität eines gehirngewaschenen Verstandes und die Unfähigkeit, nüchtern und selbständig zu denken (das weiß ich auch wieder erst jetzt) fügte ich mir durch die RAW-Ernährung weitere schwere Körperverletzungen zu, als hätte es mir noch immer nicht gereicht.

Ich musste aufhören zu arbeiten und fiel erneut zurück in die Arbeitsunfähigkeit. Schon wieder begann der vertraute Teufelskreis verschiedener Untersuchungen. Dieses Mal aber mit dem Magen und der gestörten Nahrungsaufnahme. Mein Gewicht sank, der Körper wurde immer schwächer, essen konnte ich gar nichts mehr. Die Ärzte hatten von so einem Fall noch nie gehört! Jeden fragte ich: Was soll ich essen??? Jeder schaute mich nur ratlos an.

Gedanken über die göttliche Strafe

Ich redete mir ein, dass alles was mir gerade geschah eine göttliche Strafe dafür war, dass ich, auch wenn nur für eine Weile, Vegetarismus unterbrach und begann Fleisch zu essen. Auch, dass dies nun eine Retourkutsche war, dass ich das Meditieren und die ganze Spiritualität in mir ausgeschlossen hatte. Ich, als ein „auserwähltes Wesen“, war doch selbst für meine eigenen Taten verantwortlich. Dadurch ging ich davon aus, dass ich im Rahmen einer Strafe für solche Taten, auf eine niedrige Stufe gefallen sei, genau wie der Meister es mir prophezeit hatte, falls ich die ungeschriebenen Regeln verletzen würde. Ich spürte, dass ich zum Meister zurückkehren sollte, wenn ich mich retten wollte, als hätte mich eine Sirene gerufen, die mir zuflüsterte, dass er alleine meine einzige Rettung wäre. Ich spürte eine Art Drohung, wenn ich nicht zu ihm ginge, ihm meine Verbrechen nicht beichte und ihn nicht um Vergebung für meine „verirrten“ Taten bitte. Heute weiß ich aber, dass genau das Gegenteil die Wahrheit, meine Wahrheit war.

Meine Psyche wurde geschwächt. Ich behielt noch immer die Überzeugung, dass ich fähig sein „muss“ zur Arbeit zurückzukehren. Ich wollte partout nicht wahrhaben und verstehen, um was es wirklich ging. Erneut glaubte ich, dass ich in zwei Wochen gesund werden würde, wie gewohnt zu essen beginnen, zur Arbeit zurückkehren und mein Leben endlich in die „alten Gleise (Bahnen)“ zurückkehren würde. Aber warum wollte ich das eigentlich? Darüber dachte ich nicht nach. Und was sollten eigentlich die alten Schienen sein?

Mein Gewicht wurde immer weniger. Die Palette der Lebensmittel, die ich essen konnte, reduzierte sich mit einer unglaublichen Geschwindigkeit. Beim Essen schmerzte alles extrem, brannte, fühlte sich so an, als würde ich mit jedem Esslöffel Rasierklingen schlucken, genauso auch beim Wassertrinken. Dazu kamen Desorientierung, Wahrnehmungsstörungen, Schlaflosigkeit und psychische Erschöpfung, ständiges Brennen im Magen und des gesamten Körpers, bis mir schließlich auch die Menstruation aus blieb, was für mich als Frau ein Gefühl war, als hätte ich die Weiblichkeit und die Möglichkeit Mutter zu werden, verloren. Ich absolvierte weitere Untersuchungen, aber nur mit Hilfe meiner Mutter, da ich es alleine nicht mehr schaffte. In der Panik und mit der letzten Hoffnung, begann ich wieder neue alternative Heiler und alternative Wege zu suchen. Heilenergie und Meditationen brachten aber in diesem Fall nichts. Andererseits wurde ich, nach den Besuchen bei weiteren Heilern jedes Mal um eine neue Diagnose reicher, weil jeder Heiler in mir etwas Krankes und/oder Blockiertes entsprechend seiner Spezialisierung sah.

Kampf um das eigene Leben

Die Situation verschärfte sich! Ich brauchte Hilfe! Jeder den ich bat, mir zu helfen – jeden, der mir einfiel – begann mir zu helfen. Dafür bin ich auch allen sehr dankbar! Aber eine Lösung wollte und wollte nicht kommen. Mein Gewicht sank weiterhin. Bei meiner Größe von 172 cm magerte ich von ursprünglichen 56 kg auf 43 Kilo und das innerhalb von nur 3 Monaten! Die Ärzte schienen sich immer mehr der Diagnose „Anorexie“ zuzuwenden. An diesem Punkt begann ich endgültig die Unterstützung der Ärzte zu verlieren. Es war der Augenblick, an dem der Kampf um mein Leben endgültig begann! Am eigenen Leib erlebte ich, welche Macht das Wort eines Arztes im menschlichen Unterbewusstsein haben kann. Ein Arzt nach dem anderen begann aus meiner Krankenakte den Terminus „Anorexie“ zu übernehmen, ohne ihn zu hinterfragen. Was in der Kartei war, das war doch gültig, darüber diskutierte man nicht! Schließlich konnten sie auch meine Familie, die mir noch bis dahin vertraute und zu helfen versuchte, auf ihre Seite ziehen. Die Familie stellte bis dahin diejenige Unterstützung dar, mit der ich aufgewachsen bin, das Teuerste und das Wichtigste, was ich in meinem Leben hatte. Es war auch ihnen nicht mehr möglich zu vermitteln, dass ich tatsächlich wegen Schmerzen, die mir das Essen verursachte, nicht essen konnte. Auch in ihren Augen wandelte ich zu einer Magersüchtigen, also einer Person, die absichtlich wenig Nahrung zu sich nimmt, um abzunehmen. Alle Ärzte beschäftigten sich mit meiner Oberfläche und nicht mit meiner Seele! Anfänglich glaubte ich ihnen sogar, es folgten jedoch keine Ergebnisse, im Gegenteil mein Zustand verschlechterte sich weiter. Ich war (am) (nur noch mehr im) Sterben. Traurig nahm ich wahr, dass das, was ich sagte und fühlte, niemand hörte und niemand sah, bis mir nichts anderes übrig blieb, als alles im Außen zu vergessen und zu beginnen, mehr mir selbst und meinen eigenen Gefühlen zu vertrauen und auch noch dazu die Kraft zu haben, diese in mir nicht zu verlieren, auch dann nicht, wenn alle anderen anderer Meinung waren.

Essen konnte ich noch immer nicht. Die Schmerzen hörten nicht auf, das Gewicht sank weiter, ein Kilo nach dem anderen, und die Tage vergingen. Im dritten Monat war ich schon arbeitsunfähig, und eine Lösung war nirgendwo in Sicht. Die Angst um meine Existenz und was mit mir wird, wurde immer intensiver. Ich hatte sogar Angst aufzuwachen. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich den nächsten Tag überleben (überstehen) sollte. Wahrscheinlich brauchte ich aber solch einen kritischen Zustand, damit ich endlich anfangen konnte, mich mit mir selbst zu beschäftigen, wenn auch in der pervertierten Form: Dass ich Angst um mich selbst haben musste, statt mich endlos vor der göttlichen Strafe und der Ungnade des Meisters zu fürchten.

Weil mir Anorexie diagnostiziert wurde, war den Ärzten nicht erlaubt mir eine künstliche Nahrung mittels Infusion zu verabreichen, die aber für mich meine einzige Rettung darstellte. Aber im Jänner 2014 erstrahlte für eine Weile eine neue Hoffnung! Ich kam zu einer netten und bemühten Psychiaterin. Sie bot mir die Möglichkeit der Infusionen an. Das war aber nur dann möglich, wenn ich mich in die stationäre Psychiatrie hätte einweisen lassen, weil sie innerhalb ihres Kompetenzbereiches nur diese Möglichkeit hatte. Dafür musste ich mich aber erneut untersuchen lassen, ob ich tatsächlich eine Anorexie habe oder nicht. In meinem extrem ausgehungerten Zustand schien es mir die einzige Möglichkeit zu sein, endlich zu den Infusionen zu kommen. Selbstverständlich war ich mir sicher, dass ich keine Anorexie hatte und ich freute mich, dass endlich für mich gesorgt wurde und ich bald zu neuen physischen und psychischen Kräften komme würde. Mit dieser Annahme schritt ich durch die Tür der Psychiatrieabteilung. Für mich bis dahin ein unbekannter Bereich. Ehrlich gesagt, ich ängstigte mich sehr, weil ich mir bis dahin über die Psychiatrie nur ein Bild aus verschiedenen Erzählungen, aus dem Fernseher und Kinofilmen machen konnte.

Alleine

Hinter der Schwelle erwartete mich aber das große Unbekannte. Zuerst musste ich alles Persönliche abgeben; Handy, Geldbörse und meinen Personalausweis. Diese Dinge wurden jedem Patienten für die gesamte Zeit der Hospitalisierung abgenommen. Sofort wurde mir bewusst, dass ich gerade meine Identität abgegeben hatte. Danach folgte ein Gespräch mit dem Facharzt, der sich daraus die Meinung zu meinem Gesundheitszustand bilden und dementsprechende Heillösung anbieten sollte. Naiv erzählte ich ihm ehrlich alles, was mit mir los war, so wie ich es fühlte und wahrnahm, denkend, dass er mir glauben werde. Ich realisierte überhaupt nicht, dass ich in der Psychiatrie war, und dass mich der Arzt zum ersten Mal im Leben sah und das gerade erst 30 Minuten, weil das „Fachgespräch“ nur so lange dauerte. Und dann kam seinerseits für mich die schmerzliche Entscheidung: „Wir haben beschlossen, ihnen keine Infusionen zu geben, weil sie die Voraussetzung der Anorexie erfüllen. Sie müssen selbst anfangen zu essen. Wir geben ihnen die passenden Medikamente und werden sie beobachten.“

Irgendwo in mir drinnen brach ich endgültig zusammen. Der ganze Traum der erwarteten Hilfe löste sich in einem einzigen Augenblick spurlos auf. Wieder blieb ich mit dem Ganzen alleine! Ich und mein sterbender Körper, dem ich nicht zu helfen wusste, wie auch die Angst ums Leben, um mein eigenes Leben! Endlich! Endlich begann ich mir bewusst zu werden, dass ich niemandem vertrauen darf, und dass ich mir für mich selbst meine eigene Wahrheit bewahren muss, geschehe was wolle, vor allem wenn ich die Psychiatrie noch einigermaßen psychisch in Ordnung verlassen wollte.

Mit der Zeit lernte ich die Patientinnen, wie auch die Medikamente und die gesamte Umgebung kennen. Das Misstrauen in mir wurde immer stärker. Ich realisierte, dass ich tatsächlich in der Psychiatrie war. Jeden Tag musste ich mich wiegen. Die Krankenschwestern beobachteten mich jedes Mal beim Essen. Jede gegessene Portion musste ich ihnen zeigen. Fortschritte machte ich dennoch kaum. Ein paar Bisse, ein paar Löffel, das war alles, was ich zu essen schaffte. Diese Miniportionen brannten in meinem Magen wie die Hölle und verursachten mir zusätzlich Gallenschmerzen, von denen mir die Ohren zugingen. Das akzeptierte aber niemand. Aus ihrer Sicht war alles nur ein Vorwand, um nicht zu essen, es ging doch bei mir um „Anorexie“!

Die pflichtbewusste Beobachtung seitens des Personals verunsicherte mich noch mehr. Ich wusste nicht, welche Medikamente ich einnahm, ich wusste nicht, wann sie mir etwas per Injektion verabreichen würden und wann nicht. Ich erinnere mich, wie ich einmal wach wurde und eine Krankenschwester bei mir mit einer Spritze in der Hand stand und sagte: „Krempeln sie den Ärmel hoch!“. Erschrocken fragte ich sie, was sie mir spritzen wolle. Sie durfte mir aber nichts sagen. Erleichtert war ich erst, als ich sah, dass sie nur kam um mir Blut abzunehmen.

Die Patientinnen waren unterschiedlich. Wir unterhielten uns über das Leben, aber ich war immer misstrauisch. Es gab dort verschiedene Fälle. Eine Frau, die sie in der Nacht in einer Zwangsjacke einlieferten und die quer durch die ganze Abteilung schrie, wie auch eine Frau, die halbnackt und mit einem verrückten Ausdruck im Gesicht herumlief, oder eine Patientin, die in der Früh neben meinem Bett am Boden lag und selbst nicht wusste, wie sie dort hingekommen war – ihre Diagnose, weswegen sie dort war: Sie hörte Stimmen im Kopf. Dann eine weitere Frau, die viel Gewalt erlebte oder eine Frau die Geister sah … Ich hatte Angst, dass ich bei allem, was ich dort erlebte, selbst unzurechnungsfähig würde, aber nicht wegen der Fälle, sondern vor allem wegen der Macht und Kontrolle, die die Ärzte über mich hatten. Sie hatten doch meine Papiere und konnten mir, ihrem Ermessen nach, jederzeit Medikamente verabreichen, je nach Zustand den sie wahrnahmen, bzw. meinten, dass ich habe! Genauso geschah es vor meinen Augen mit anderen Patientinnen, bis ich verstand, dass ich von dort so schnell wie möglich verschwinden müsste, um nicht verrückt zu werden.

Insgesamt verbrachte ich dort zwei Wochen, weil ich freiwillig hingegangen war konnte ich schließlich den Entlassungsschein unterschreiben und die Psychiatrie auf eigene Verantwortung verlassen. Im abschließenden ärztlichen Bericht stand: „atypische mentale Anorexie“.

Der Verbündete

Scheinbar reichte es mir aber noch immer nicht! Zur gleichen Zeit im Februar absolvierte ich noch eine Magen-Darm-Untersuchung. Nach dieser Untersuchung bekam ich zusätzlich einen schmerzlichen Reflux, der bis heute andauert. Dazu diagnostizierten sie mir auch noch Borreliose einer hohen Stufe. Die Ärztin verschrieb mir spezielle, sehr starke Antibiotika, obwohl ich ihr erklärte in welchem Zustand und wie abgemagert ich bin. Erneut lies ich mich von einer Ärztin überzeugen! – und begann sie einzunehmen. Den ganzen Vormittag schaffte ich es nicht, vom Bett aufzustehen. Ich konnte nicht einmal zur Toilette gehen. Der Magen begann zu bluten, ich spuckte Blut. Ich schlief im Sitzen und ich konnte noch weniger von dem schon wenig Möglichen essen. Nach einer Woche traf ich einen Entschluss und setzte alle Tabletten, wirklich alle! – auch die Antidepressiva ab. Ich wusste, dass ich dabei war, mich endgültig umzubringen. Die Waage zeigte nur noch 37 Kilo. Bei dieser Zahl fragte mich schließlich die Ärztin: „Wissen sie, dass sie sich im Sterben befinden?!“

Endlich! – zum ersten Mal sprach es jemand aus. Endlich sah jemand, dass ich im Sterben bin. Endlich gab mir jemand Recht!

Ja, erst in dem Wort „Tod“ hatte ich endlich einen Verbündeten gefunden!

Die einzige Lösung, die der Ärztin in diesem kritischen Moment einfiel, war aber genau die Gleiche wie bei allen: „Sie müssen anfangen zu essen!“ Ständig habe ich gewartet, dass doch noch wie im Film, eine Wunderlösung kommt, oder eine Mail vom Universum mir mitteilt, wie und was ich essen, wie ich einen Ausgang aus dem Tod finden soll.

***

Ich suchte ständig so etwas wie einen Plan, einen Vorgang. Es war doch immer so. Für alles gab es Pläne, Strukturen, Richtlinien und Regeln, und so dachte ich mir, dass es auch bei den Ärzten so ist, und dass es so auch mit meinem Zustand sein würde. Ich verließ mich darauf, dass ich mich in ihre Hände übergebe und es würde für mich gesorgt. Aber nichts davon geschah, auch in so einer akuten, lebensgefährlichen Situation in der ich offensichtlich war nicht!

Das Sterben und die Entscheidung für das Leben

Die Zeit kürzte sich. Die Zeit meines Lebens. Ich schaffte es nicht mehr, in die Stadt zu gehen und auch anziehen konnte ich mich nur mit Mutters Hilfe. Mich um meine langen Haare zu kümmern war so anstrengend, dass ich sie mir schneiden ließ, obwohl sie mein ganzes Leben für mich das Wertvollste waren, was ich hatte. Ich hörte auf in den Spiegel zu sehen. Die Person und das gezeichnete Gesicht, das mir entgegen sah, waren wie ein Ungeheuer aus irgendeinem Märchen. Knochen und Rippen bildeten meinen 37 Kilo leichten Körper. Ich schwand und schämte mich auszugehen. Meine Konfektionsgroße schrumpfte von M, über S auf XS. Ich konnte mir neue Kleider nur noch in der Kinderabteilung kaufen. Es gab kaum Hosen, die mir gepasst hätten.

Ich weinte immer genau um 19:30 am Abend. Es war für mich ein Augenblick, wie für ein Gebet. Ich bat Gott um Hilfe, dass er mir hilft zu verstehen, warum ich so geprüft werde. Ich rollte mich wie ein Baby im Mutterbauch unter die Decke. Nur so fühlte ich für einen Moment Sicherheit in dem, vor meinen Augen auseinanderfallenden Leben, voll von Unsicherheit und Angst, was noch in der nächsten Stunde auf mich zukommen könnte.

Die Tage vergingen, und zu Hause wuchs die Spannung. Eines Tages verprügelte mich Mutter aus Verzweiflung. Dadurch verließ mich der letzte Mensch, der noch zu mir stand. Sie schrie mich an, wie ich denn die ganze Familie mit ins Verderben ziehen könne, dass sie es mit mir nicht mehr schaffte, und dass sie nicht mehr gemeinsam mit mir auf meinem Weg schreiten werde. „Komme zu dir und beginne zu handeln!“ waren ihre letzten Worte.

Es war ein Punkt an dem für mich das Leben begann still zu stehen. Ich schaltete in mir den Antrieb, den Motor ab. Ich hörte auf, von einem Arzt zum anderem zu gehen. Ich hörte auf Heiler aufzusuchen. Ich hörte auf, nach jeglichen Heilmitteln zu suchen und ich hörte auf, verschiedene Artikel, wie ich mir noch helfen könnte zu lesen. Ich begann den Tod in mir zu akzeptieren. Es tauchten in mir neue Fragen auf: Wie funktioniert das Sterben? Wie fühlt sich der Tod an? Ist es die richtige Zeit zum Sterben, wo ich gerade erst 28 Jahre alt bin? Und ist mein aktuelles „Jetzt“ schon der beginnende Tod? Soll ich mich mehr ängstigen, oder reicht es so, wie ich jetzt gerade Angst habe? Soll ich mich überhaupt ängstigen? Und wie viele Tage, wie viele Wochen, Monate braucht es noch, bis ich sterbe, bis ich keinen Schmerz und keine Ohnmacht mehr spüre?

Letztendlich kam mir der Tod als eine Erlösung vor.

Das Leben wollte mich aber anscheinend eines Besseren belehren. Ich erkannte, dass auch der Tod seine Berechtigung hat, und dass es nicht geht, nur einfach so zu sterben. Zum ersten Mal wurde mir bewusst, welche großen Reserven der Körper besitzt, auch wenn er nur noch auf dem Minimum funktionierte. So verstand ich, dass ich nicht in einem Tag und auch nicht in einer Woche sterben würde. Es wurde mir klar, dass ich so hilflos und kraftlos im Bett liegend, vielleicht auch noch ein Jahr verbringen könnte.

Es dauerte einige Wochen. Der Frühling kam immer näher, und auf einmal durchbrach etwas in mir. Ein Widerstand stieg in mir auf, und irgendwas in mir sagte mir, dass ich es doch noch schaffen werde. Ich entschied mich zu essen, egal ob es schmerzte oder brannte, um jeden Preis und egal was, ob gesund oder ungesund. Und siehe da, auf einmal begann sich in mir das Vertrauen in den Lauf des Lebens aufzubauen.

BewusstseinsCoaching

Nach mehr als einem halben Jahr hungern, begann ich mich also zu ernähren. Das Essen schmerzte wie die Pest, aber meine Psyche war stark und (spornte mich an)peitschte mich nach vorne. Ständig konnte ich mir auf vieles keinen Rat geben. Ich hatte Hilfe nötig, und dann fiel mir ein die Wiener Bewusstseinscoachin erneut zu kontaktieren. Nachdem sie meine Mail gelesen und meine Situation erfahren hatte, war sie bereit mir zu helfen und mich zu begleiten. Endlich jemand, der mich nicht hatte fallen lassen!

Mein BewusstseinsCoaching fand in Form einiger weniger Treffen und vor allem aber mittels Mailaustausch statt. Sie selbst lernte mit mir, wie sie mich begleiten sollte, weil sie angeblich bis dahin so einen geschundenen Körper und Energiesystem in so einem desolaten Zustand noch nicht begegnet war. Am Anfang trafen mich ihre Worte sehr schmerzvoll. Sie waren direkt und verletzten mich. Aber meine Situation war so hilflos, dass ich mich von Selbstmitleid und Selbstverteidigung nicht verleiten lassen durfte, wenn ich aus meiner Situation herauskommen wollte. Nach und nach verstand ich, dass ihre Worte deswegen so schmerzten, weil sie in mir direkt diejenigen Schmerzen und Wunden trafen, die ich bereits hatte und primärer Bedarf einer Gesundung waren, damit ich später fähig war, mir selbst zu helfen und durch den Heilungsprozess zu gehen. Dieses Ansprechen der schmerzhaften Stellen bewirkte in mir ein Gefühl einer „Betroffenheit“. Später war ich mit Hilfe der Bewusstseinscoachin fähig, verschiedene Dogmas der geistig-spirituellen Welt loszulassen und zu erkennen, in welch schwerer Illusion, Angst und Dunkelheit, bestehend aus Manipulation und Kontrolle, ich mich befand. Die Reinigungsprozesse und der Prozess der Loslösung von der langjährigen Welt in der ich lebte, waren sehr schmerzhaft, sowohl physisch, wie auch psychisch, aber mit der Zeit schaffte ich es, die Welt mit einer erweiterten Sicht zu betrachten und mir, nach den Jahren in denen ich stetig manipuliert wurde, die lang ersehnte „Rückkehr zu mir selbst“ zu ermöglichen!

Weil wir so eng verbunden waren, musste ich einen ähnlichen Prozess der „Befreiung“ auch mit meiner Mutter absolvieren. Ein Mensch, der aber von einer hypnotischen Illusion beeinflusst ist, ist nicht fähig dies zuzulassen und meistens schon überhaupt nicht, bevor es ihm nicht um sein eigenes Leben geht, wie es bei mir der Fall war. Die gültige Realität meiner Mutter war sehr lange Zeit unantastbar. Ein endloser Prozess, in dem ich parallel zu meinem eigenen mit ihr ging, damit sie fähig werde, die langjährig verinnerlichten Dogmen zu verlassen, erleichterte meine eigene Situation nicht. Aber mit der Zeit war sie doch fähig, die Welt realer zu betrachten und aus der Welt der manipulativen Energien nach und nach auszusteigen.

Inzwischen begann ich schrittweise Lebensmittel zu entdecken, die mein Körper mehr oder weniger tolerierte. Auch hier half mir Kristina sehr, indem sie mich meinen eigenen Weg finden ließ. Rückwirkend begann ich zu verstehen, welche inneren Verletzungen ich mir zufügte und welche Lebensmittel für mich und die Wundheilung geeignet waren. Das sagte mir bis dahin kein einziger Arzt! Ich verstand, dass ich keine sauren, gewürzten, scharfen, salzigen und bitteren Lebensmittel zu mir nehmen durfte. Das Essen bekam den Charakter einer Babynahrung. Später, mittels Selbststudium, kam ich zu der für mich grundlegenden Entdeckung, dass Fleisch und Fleischbrühen ein geeignetes Heilmittel für Menschen mit einem kranken Magen und vor allem ein Ausweg aus der Anorexie sind!!! Für mich als langjährige Vegetarierin war dies eine Information, die ich lange Zeit abwägen musste und mit der ich zu kämpfen hatte. Aus heutiger Sicht ist die Fleischernährung der Grund, weswegen ich heute überhaupt noch lebe. Ich begann, mir Suppenbrühen zu kochen und fügte dem nach und nach Fleisch zu. Ich begann auf die Beine zu kommen, wurde kräftiger und konnte sogar die ersten Spaziergänge in die Stadt wagen. Auch die endlosen unerträglichen Schmerzen wurden milder. Dann kam aber etwas Neues, Überraschendes: Ein unheimliches Gefühl einer unglaublichen Unersättlichkeit. Egal was ich aß, die Sättigung wollte nicht eintreten. Wo auch immer ich hin ging, das erste was mich interessierte war, ob es dort Essen geben wird. Das Essen interessierte mich mehr als Menschen! Egal ob es Familie oder jemand anderer war. Ich war wie ein Alkoholiker, der überall sein Weinglas sucht oder ein Drogenabhängiger, der seinen Schuss nicht abwarten kann – bis heute sehe ich keinen Unterschied zwischen ihnen und mir. So stark waren diese Zustände. Nach Jahren erfuhr ich, und das auch nicht von den Ärzten, sondern von einer Youtuberin die Anorexie hatte, dass das ein Zustand ist, in dem der Körper die Zeit aufzuholen versucht, während der er hungerte. Als die Youtuberin selbst zu essen begann, erlebte sie nämlich ähnliche Zustände wie ich. Aber ich musste hier auch noch ein paar Wochen durch eine bestimmte Form der „Bulimie“ durch. Weil ich nicht wusste, wie viel, welche Mengen ich essen darf, wie viel mein Körper schon fähig war zu verarbeiten, und weil meiner Meinung nach meine Augen mehr aßen als je zuvor, begann ich aus Angst das Gegessene absichtlich zu erbrechen. Später verstand ich, dass einer der Aspekte, warum ich keine Sättigung verspürte war, dass durch die RAW-Ernährung und das stetige Sodbrennen es bei mir zum Verbrennen der Sättigungsrezeptoren im Magen gekommen war, und ich deswegen die Völle des Magens nicht abschätzen konnte.

Nach und nach fand ich heraus, dass ein verbrannter Magen und die Refluxes meine Fähigkeit zu fühlen senkten, egal ob es sich um eine Berührung handelte, oder um ein Hungergefühl, Körpergefühl, Wahrnehmung des Lichts, der Natur, Empfindung des Tages, der Worte, der Menschen und des Lebens …! So etwas erzählte ich aber den Ärzten nicht mehr, weil ich Angst hatte, dass sie mich für unzurechnungsfähig erklärten (halten könnten). Durch die Suche und Eigenstudium, zu dem mich meine eigenen Symptome zwangen, fand ich eine weitere Erklärung. Zufällig kam mir das Buch von Oliver Sacks in die Hände, ein englischer Professor der Neurologie, mit dem Titel „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“, in dem ich meine Symptome in einer von ihm beschriebenen Geschichte seiner Patienten fand. Dank dieser verstand ich, dass es in Ordnung war, das zu erleben, was ich erlebte und erlebe. Dass es nicht bedeutet, wenn man über bestimmte Dinge nicht öffentlich spricht, dass sie nicht real sind und nicht existieren!

Status „Leben“

Während meiner Genesung haben mir die Ärzte zumindest einen Invalidenstatus zuerkannt. Für mich ein neuer Begriff in meinem Leben. Ich wusste gar nicht welche Behörde dafür zuständig ist, und wie man es beantragt. Innerlich konnte ich mich auch sehr schwer mit der Bezeichnung „Invalide“ identifizieren. Ich wusste nicht, was so ein Status mit sich bringt. Wie sollte ich damit umgehen? Wo ihn benutzen und wo nicht? Am Anfang schämte ich mich, das vor jemanden überhaupt zu erwähnen. Aber ich blieb ja ohne Arbeit, arbeitslos und konnte mir nicht vorstellen wovon ich leben, welche Arbeit ich mir mit so einem unbekannten Körperzustand, den ich erlebte, finden sollte? Ich musste sogar mein Studium im letzten Semester, trotz ausgezeichneter Ergebnisse und vorhandenem Interesse, aufgeben und auf den Titel einer diplomierten Ingenieurin verzichten. Dieser Titel stellte damals für mich und meine Familie einen Status der „Ernsthaftigkeit und Bedeutsamkeit meiner Person“ für die Gesellschaft dar. Heute weiß ich, dass der Status „Leben“, den ich in mir trage ausreichend ist und vollständig das beinhaltet was ich bin.

Aktivierung der lebensspendenden Motoren

Es näherte sich die Weihnachtszeit 2014 und was interessierte mich? Selbstverständlich das Essen und was ich für diese Weihnachtszeit zubereiten werde. Ich erkannte ein neues Talent in mir. Ich traf auf dekorative Lebkuchen, die es mir so angetan haben, dass ich fähig war Stunden, Wochen, sogar Monate ihrem Studium, dem Versuchen, dem Lernen und dem Perfektionieren zu widmen, bis ich mich schließlich in den professionellen Bereich auf dem Gebiet der künstlerischen Lebkuchen hocharbeitete, denen ich mich jetzt bereits das dritte Jahr widme. Ich bekam sogar internationale Aufmerksamkeit und Aufträge, einige Medien informierten ausführlich über mein Schaffen. Der handwerkliche Herstellungsprozess war für mich sehr intim, ich selbst erkannte mich kaum dabei. Das ganze Leben war ich doch ungeduldig, und diese Arbeit erforderte sehr viel Konzentration, Geduld und Präzision, die ich erst dabei erlernte. Sie brachte mir neue Lebensbereiche, Leute und Erfahrungen. Diese dekorativen Lebkuchen sind inzwischen meine Arbeit, mein Job geworden.

Dank eines hohen Fiebers im Sommer 2015 bekam ich nach anderthalb Jahren erneut meine Menstruation. Die Wärme und der erhitzte Körper starteten erneut lebensspendende Motoren in mir. Ich begann nicht nur durch physische Nahrung, sondern auch mit Hilfe von Wärme zuzunehmen. Ich begriff, dass mein Körper durch Veränderungen ging und begann sensibel auf Wetter, Jahreszeiten oder andere Phänomene zu reagieren. Und ich konnte mich wieder im Spiegel ansehen! Die Zeit, in der ich mich nicht mehr im Spiegel anschauen konnte, hat mir aber sehr geholfen. Dank der Unfähigkeit meinen Körper und seinen desolaten Zustand zu sehen, begann ich mich immer mehr auf die, für die Augen unsichtbaren Attribute zu konzentrieren. Meine Wahrnehmung und die Selbsterkenntnis verstärkten sich. Innerhalb von vier Jahren des praktizierten Selbstbewusstseins kam ich zurück auf das ursprüngliche Gewicht von 53 Kilo. Klar, ich habe noch immer nicht alles hinter mir. Ich esse noch immer eine eingeschränkte Auswahl von Lebensmitteln. Ich bin noch nicht vollständig geheilt, aber ich lerne damit zu leben und umzugehen. Es gibt Tage an denen die Schmerzen so stark werden, dass in mir wieder Selbstmordgedanken auftauchen. Diese Zustände dauern manchmal mehrere Tage, während denen ich meine Aufmerksamkeit vor allem auf das Atmen richte. Ich weiß, dass mich der Tod bereits das 4te Jahr begleitet, aber ich spüre keine Angst mehr.

Selbstvertrauen und das Erlauben

Mit dem Kraftzuwachs lernte ich in mir jemanden anderen kennen als bis dahin. Vor meinen eigenen Augen begann sich die Welt und mein Blick darauf zu ändern. Ich fand mehr und mehr Verständnis für das Tun der anderen, aber vor allem für mein eigenes. Ich erlaubte in mir den natürlichen Prozess, statt all dem, was ich hätte noch an mir und in mir ändern sollen, bzw. ich hörte auf, in den Relationen, was sich gehört, was sollte man, was darf man und was nicht, was muss man und was nicht, zu denken. Selbstverständlich ist das kein leichter Prozess. Ich werde sehr schnell müde und erschöpft. Als Folge der Erschöpfung begann ich individuell zu handeln und mich selbst an die erste Stelle zu stellen, ich bemühe mich, mich den Anforderungen meines Zustands anzupassen. Bis dahin war es meistens umgekehrt und es brachte mir nicht so viel Verständnis und Bewusstwerdung im Leben wie jetzt. Ich erlaube mir mittlerweile, mich auf mich und meine Gefühle zu verlassen, weil ich doch diejenige bin, die mit mir selbst 24 Stunden am Tag lebt und niemand anderer. Ich lerne die Verantwortung für mich selbst zu übernehmen. Auch wenn mich meine Erfahrungen wahrscheinlich ein Stück verschlossener machten und ich gefühlt erkaltete, weil ich in mir tiefe Verletzungen trage, bin ich dabei, mich nach und nach der Liebe und dem Fühlen wieder zu öffnen. Heute weiß ich, dass viele persönliche Veränderungen dank meines Gesundheitszustands stattfanden, mein Leben änderte die Geschwindigkeit, verlangsamte sich, und somit konnte ich beginnen, mich umzusehen.

Es ist unglaublich, aber in der Einschränkung (in der Invalidität) fand ich auf einmal solche Freiheit und Fülle wie niemals zu vor. Die Freiheit, nach der ich mich so sehnte! Und jetzt lerne ich diese nicht nur in einer Einschränkung, sondern überall zu finden. Aus dem Geldminimum bekomme ich ein Maximum, in Kleinigkeiten finde ich eine große Bereicherung und Freude.

In meiner Familie kam es aufgrund solcher Lebenserfahrungen zur Verschiebung der Prioritäten. Wir haben verstanden, dass viele der alten Prioritäten bis dahin von der Gesellschaft vorgegeben waren und wir sie unreflektiert übernommen hatten. Es waren illusorische Vorgaben, nach denen ein Mensch angeblich leben sollte. Und wir dürfen noch eine Lektion lernen: die gegenseitige Vergebung.

Wenn also jemand seinen Sinn in der Gründung einer Familie, dem Kinderkriegen und seiner Erziehung sieht, so fand ich meinen Sinn im Beschreiten dieses Weges, den ich gehe und im Kennenlernen von mir selbst in meiner eigenen Tiefe. Heute weiß ich, dass ich in mir all das, was ich nicht war, was nicht zu mir gehörte, sterben lassen musste und dass ich jetzt auf eine neue Art lebe und mich neu kennenlerne.

„Durch meine Lebenserfahrungen verstehe ich inzwischen, dass es im Leben nicht nur darum geht glücklich zu sein. Ich meine, dass es im Leben um etwas Tieferes, als darum gehen muss. Viel wichtiger als „nur“ glücklich zu sein, ist die Verschiebung, die wir innerhalb des Lebens vollziehen. Ich kenne zwar nicht genau den Weg, den ich in meinem Leben gehen soll, aber ich vertraue, dass das Leben und ich für mich einen (vor)bestimmten Weg haben, den ich beschreiten kann.“

Ich bedanke mich für das Lesen meiner Geschichte, ich schätze es sehr!

© 2018, Libuša, Kontakt: libusastory@gmail.com

 

 Geschichte ist ein Teil des Projektes „Die Meister des Lebens – Geschichten die das Leben schreibt“ und wird demnächst auch in Buchform erscheinen.
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Fußnoten

[1]             Die verkehrte Logik – ein Begriff aus dem Buch „BewusstseinsCoaching 2 – Die verkehrte Logik


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Die Heilerin und der Einweihungsweg, ein Buch von Kristina Hazler, www.kristinahazler.com

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