Der innere Schöpfer und seine schöpferische Depression

aus der Reihe: „Das innere Team und die Arbeit mit einzelnen inneren Aspekten

Ein Maler, Musikant oder sogar ein Schauspieler … ihre Kunst kann man verschieden interpretieren, individuell erklären, unterschiedlich betrachten. Der Künstler kann sagen: „Nein, so habe ich es nicht gemeint. Das habe ich nicht dargestellt. Das ist deine Vorstellung. Du hast das so in meine Darstellung hineininterpretiert.“ Die Kunst ist wahrscheinlich auch deswegen interessant, weil sie so geheimnisvoll ist, als wäre sie kodiert. Die ganze Welt kann raten, höhere Wahrheiten und die Absichten des Künstlers darin suchen.

Ein Maler, ein Musiker, ein Tänzer, ein Schriftsteller, ein Koch und ein anderer kreative Mensch versucht durch den Pinsel, durch die Noten, durch die Bewegung des Körpers, mittels Buchstaben, fantastischer Gerichte und anderer Kreationen sein innerstes Inneres auszudrücken und sich danach sehnt, in seiner eigener Wahrheit verstanden zu werden bzw. der Welt die Welt zu zeigen, die er sieht, in der er sich bewegt.

Der innere Schöpfer

Jeder von uns ist doch ein Künstler auf seinem Gebiet. Jeder von uns ist ein Schöpfer, der aus seiner inneren Welt, aus seiner inneren Sicht, dem inneren Gefühl, der inneren Wahrnehmung kreiert und in das „Hier“ gebiert. Es ist das natürlichste der Welt, bzw. des Lebens unermüdlich zu kreieren und zu erschaffen. Und auch wenn es sich viele dessen nicht bewusst sind, weil es für sie so normal und einfach ist – das Gebären – ihr innerer Schöpfer ist unermüdlich am Werk.Der innere Schöpfer und seine schöpferische Depression, Künstler und sein kreativer Prozess

Und obwohl bei dem schöpferischen Prozess laute Wunder geschehen und Sachen gelingen von denen der Künstler vor kurzem noch nicht einmal träumen wagte, passiert oft etwas Seltsames in ihm. Einerseits ist er glücklich, zufrieden und dankbar dafür, auf der anderen Seite kommt eine tiefe Trauer und Unzufriedenheit über ihn, gepaart mit einem Verlustgefühl und Einsamkeit, die gleichzeitig in ihm ein großes Unverständnis zu dem, was da in ihm vorgeht, hervorrufen. Ein unverständliches Dilemma. Diskrepanz der Gefühle:

„Ich verstehe nicht, warum ich trauere, wenn eigentlich alles wie geschmiert läuft – zumindest scheint es mir so. Warum, wenn ich endlich das tue, was ich immer wollte, wonach ich mich sehnte? Warum kommt es mir so vor, als wenn mir irgendwo das Leben unter den Händen weg rinnen würde? Und das, obwohl ich „gebäre“ und fruchtbringende Dinge tue. Warum kommt es mir so vor, als würde ich etwas verlieren, unwiderruflich verlassen, aufgeben?“

Ist das das Gefühl, an dem viele Künstler zerbrechen?

Ist in dieser Welt das (Er)Schaffen automatisch mit einer Depression verbunden?

Die schöpferische Depression

Ist das ein Fluch? Ist das eine Art „(Maut)Gebühr“ für die Erlaubnis, in die Tiefe einzutauchen und von dort ein Stück davon ans Tageslicht zu holen/zu bringen, was normalerweise verhüllt bleibt? Ist das der Grund? Will es uns darauf hinweisen, dass die Kunst etwas Verkehrtes wäre, weil sie die Regeln verletzt und die bekannte, gesehene Welt damit (ver)stört; weil sie etwas zeigt, was keiner sehen sollte? Ist das der Grund der „künstlerischen“ Depression? Das schlechte Gewissen? Hat ein Künstler das Gefühl, dass er mit dem Teufel einen Pakt geschlossen hat? Dass er seine Seele verkauft hat? Dass er etwas Unerlaubtes getan hat? Dass er einen Blick in die geheime, verbotene Kammer geworfen hat? Dass er auch andere dorthin verführt hat? Weil: Nicht genug, dass er es selbst erblickte, sondern weil er es auch den anderen zeigte?

Oder ist diese Depression das Ergebnis der anstrengenden Geburt? Wie bei einer normalen Geburt – wo der Körper erschöpft ist und der Verstand und die Gefühle nicht mehr mitkommen, weil sich in einem einzigen Augenblick die Welt durch die Geburt eines neuen Geschöpfes veränderte und damit die Altbekannte unwiderruflich verschwand? Ist es das, dass der Mensch irgendwie den Boden unter den Füßen verliert und noch nicht weiß, was ihn erwartet, wenn er sich auf einmal in einer neuen Welt findet? Und war die alte Welt auch nicht schon immer neu gewesen? War dort auch nicht jeden Tag, jeder Schritt ein Schritt ins Unbekannte?

Oder ist die Depression deswegen, weil sich der Künstler plötzlich vom Gewicht seines eigenen Werkes erdrückt fühlt?

Die eine Sache ist die eigene Geburt – ein kreativer Prozess: die Zeit, während der er einzelne Teile in ein Gesamtwerk verbindet und vor den Augen noch nicht das Endergebnis dessen hat, was er da so „anstellte“. Während der schöpferischen Phase kann er doch noch hoffen, verändern, anpassen. Aber sobald es endlich fertig ist, scheint es unrealistisch, gar unglaublich zu sein. Die Welt des Kreierens, der Weg des Schöpfens, des Erschaffens war irgendwie viel lebendiger, plastischer, greifbarer und interessanter als das fertige Werk. Ist es das geworden, was er wollte? Ohne Fehler? Zweifel kommen hoch … Wer kommt, begutachtet und sagt, ob das Werk endgültig fertig ist? Dass es genauso ist, wie es sein sollte? Ist es ein Teil von ihm? Ist er das? Er schaut es an und sieht sich nicht. Das sollte er sein? Überraschung … Und jetzt sollte er das, wovon er nicht weiß, ob es das ist, was er erschaffen wollte, der Welt zeigen? Müsste, sollte, könnte er nicht noch etwas daran korrigieren, anpassen? Und wozu überhaupt zeigen? Wem? Wer hat schon Interesse daran, sein Inneres, seine Sicht, sein Fühlen, seine Welt zu erfahren? Ist es nicht besser, alles zusammenzupacken, zu beenden, zu flüchten? Aber wozu hat er es dann getan? Für wen? Für sich? Warum brauchte er es, es für sich sichtbar zu machen? Er sah es doch bereits in sich – tausende Male. Er fühlte es, dachte es, verstand es – oder nicht? Ging es von Anfang an nicht darum, es zu zeigen, mit anderen zu teilen, mit eigener Sprache zu übersetzen, um es dann zu kommunizieren? Tausende, Millionen Fragen und keine Antwort.

„Wer sollte zu mir kommen und mir sagen, dass mein Werk fertig ist? Sie wissen doch nicht, was ich wollte, was ich erschaffen wollte. GesichtSie ahnen nicht, um was es mir ging. Gerade deswegen formte ich es in die Materie, damit sie eine Ahnung bekommen, damit wir darüber sprechen können, damit es ein Eingangstor gibt, eine Bühne, einen (Aus)Weg … Aber was passiert, wenn sie nicht verstehen, wenn sie nicht erblicken, wenn sie nicht begreifen? Monate, Jahre eines tiefgreifenden Prozesses und Anstrengung – der ganze Geist, die ganze Seele, das Herz verstanden, Blut – alles ist in diesem (m)einen Werk. Und wenn es Menschen ablehnen? Wenn sie sagen, dass es „Nichts“ ist? Was dann? Mit einem neuen Werk beginnen? Sich mehr bemühen, es sichtbarer, klarer, strahlender zu machen? Lernen, zu verstehen, was andere brauchen und sich ihrem Geschmack anpassen? Wem? Wessen Geschmack? Seinem? Sie sind doch viele … Wozu also weiter schöpfen? Die Situation scheint ausweglos, unlösbar zu sein … Alles so lassen wie es ist und nicht, nichts mehr weiter tun? Auf die ganze Welt sch …, auf die Menschen, auf sich selbst? Aber wenn ein Mensch als Künstler geboren wurde, geboren, um zu erschaffen …, was bleibt von ihm, wenn er aufhört? Frust, Enttäuschung, Misstrauen, Unverständnis, Leere … weil keine Erfüllung?“

Zweifel

Er spürte doch in sich, dass es so hätte sein müssen, dass es okay war, dass er deswegen auf diese Welt kam … Hat er sich in seinem eigenen Gefühl geirrt? Versagte er in seinem Inneren, in dem, in was er am meisten vertraute, was ihn zu einem Künstler machte: das Gespür, Vertrauen, die Sicht? Selbst dachte er, zu verstehen und begriff er es doch nicht? Selbst dachte er, dem Leben, sich selbst, dem schöpferischen Prozess zu vertrauen und tat er es doch nicht? Ging es darum? Kam er deswegen auf diese Welt, alles zu erkennen, was er alles glaubte zu sein, zu sehen was davon er nicht ist? Oder kam er auf diese Welt, damit er versteht, dass die Welt in ihm ist und nicht außerhalb von ihm? Dass die Welt, in die er vertraute, die eigene ist und nicht die der anderen? Oder kam er mit Vertrauen in diese Welt und ließ er sich erschüttern? Kam er, um der Welt den schöpferischen Prozess, den Prozess des Lebens und der Menschlichkeit vor Augen zu führen? Gehören die Zweifeln nicht doch zur Menschlichkeit, zum Menschsein? Kam er nicht in diese Welt, um sich selbst zu überzeugen, wie weit, wie tief sein eigenes Vertrauen in sich und ins Leben reicht? Ist das nicht so etwas wie eine selbst auferlegte Prüfung, wie ein Hürdenlauf, damit er sich als „Künstler“ merkt, welche Hürde für ihn noch eine Hürde darstellt? Was ihn noch verunsichert, von seiner eigenen Absicht, dem Vertrauen abbringt? Ist nicht jeder Mensch ein Künstler? Kam der Künstler nicht, um der Welt zu zeigen, dass es jedem Menschen möglich ist, zu kreieren, zu schöpfen, zu erschaffen und einzutauchen; die innere Welt und die mit Geheimnissen umwobenen Kammern zu öffnen? Kam er nicht, um aufzumachen, statt aufzugeben? Kam er nicht mit dem tiefen Verständnis zu Menschen und dem Leben, statt auf alles zu „scheißen“? Kam er nicht mit dem Bewusstsein, dass, egal was er tut, was er erschafft, welches Werk – dass alles ist aus ihm und aus IHM? Kam er nicht in dem Vertrauen, dass er sich die Finger nicht verbrennen, dass sein Werk keinen Fehler aufweisen kann, weil er ein Teil von IHM ist?

Warum also diese Zweifel, die Depression?

Weil er auf die Welt kam und vergaß, dass er von IHM kam.

Aber will nicht gerade ein Künstler erinnern und uns Gott wieder näher bringen? Ist das nicht das Ziel seines Werkes?

Ja, er schöpft ja aus dem Göttlichen. Aber dafür, dass er sich dessen bewusst wird, muss er sein eigenes Menschsein begreifen. Deswegen kreiert er in erster Linie für sich selbst und für niemand anderen. Er hat die Möglichkeit, in seinem eigenen schöpferischen Prozess sich selbst zu sehen, zu erkennen und sich zu erinnern, die Augen und Ohren zu öffnen. Und wenn er selbst begriffen hat, wenn er sich selbst in seinem Werk erkannte, das Leben und die Liebe darin erblickte – also das Göttliche – dann weiß er genau, welche Sprache sein Werk spricht, welche Botschaft es in sich trägt. Erst dann fühlt er sich von seinem eigenen Werk nicht mehr erschlagen, wenn er selbst verstanden hat, dass sein eigenes Werk auch im Menschen gewachsen ist und nicht mehr das Gefühl hat, dass seine Schöpfung größer ist als er selbst. Das ist die Kunst. Das ist die ganze „Zauberei“ – als Mensch durch den Menschen das Leben, die Welt zu verstehen, sich bewusst werden.

© 06/2015 Kristina Hazler

Die Artikelreihe „Das innere Team und die Arbeit mit einzelnen inneren Aspekten“ besteht aus folgenden Teilen:

  1. Der innere Meister
  2. Der innere Sklave und die unbewussten Codes
  3. Der innere Sklave und die endlose Scham
  4. Das innere (Ego)Kind und die kindliche Maske
  5. Das innere Kind und das Liebesmanko
  6. Der innere Schöpfer und seine schöpferische Depression
  7. Der innere Krieger und der Weg aus der Selbstverletzung
  8. Der innere Boykotteur in der Praxis
  9. Die Transformation des inneren Boykotteurs zum inneren Berater
  10. Das „eigene“ Schattenwesen und die Schattenenergie
  11. Der innere Engel in dieser Welt
  12. Der innere Versager und seine Transformation
  13. Der innere Genius – Es ist die höchste Zeit für eine Geniekultur
  14. Der innere Besserwisser und die Bereitschaft für nächsten Bewusstseinsschritt
  15. Der innere Kritiker – unsere ultimative Prüfinstanz
  16. Der innere (Lebens)Verweigerer und die überraschende Kehrwende

 

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Ein Gedanke zu „Der innere Schöpfer und seine schöpferische Depression

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